Leseprobe - der Totengräber


 

Der Totengräber

 

Totengräber ist ein Beruf wie jeder andere. Man kann ihn aber nur zeitweise ausüben und deshalb gerät er oft in Vergessenheit. Wenn jemand gestorben ist, zeigt sich die Bedeutung des Totengräbers. Während seiner Arbeit ist der Totengräber allein.

Niemand schaut ihm zu, wenn er ein Grab aushebt. Der Totengräber hat kein Arbeitspensum. Er gräbt für jeden Verstorbenen die letzte Ruhestätte. Begriffe wie Arbeitsproduktivität, Planvorhaben, Planüberbietung, Planrückstand können einen Totengräber nicht schrecken. Der Beruf des Totengräbers muß nicht erlernt werden. Und er wird auch nicht auf den Sohn vererbt, denn nur alleinstehende Männer sind Totengräber.

 

Auf dem Lande bringt dieser Beruf nicht viel ein. Deshalb muß der Amtsinhaber einer Nebenbeschäftigung nachgehen, die ihm ein geregeltes Einkommen sichert. Meist ist er Kirchendiener und Hasenzüchter. In seiner hauptamtlichen Funktion muß er jedoch immer einsatzbereit sein. Das verleiht seinem Alltag Spannung. Vom letzten fertiggestellten Grab bis zu der unter Tränen geäußerten Bitte, das nächste Grab auszuheben. Ist das Unvorhergesehene eingetreten, verläuft alles wie immer.

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Nachdem das Unvorhergesehene eingetreten ist, fragt der Totengräber in W., wo das Grab auszuheben sei. Das ist eine rein formale Frage, anstatt einer Beileidsbekundung, denn in W. besitzt jede Familie nur ein Grab, in dem die Beisetzung stattfinden kann. Und wo er den Spaten ansetzen wird, weiß der Totengräber natürlich selbst am besten. Seine Faustregel hat sich noch immer bewährt: die Großmutter neben den Großvater oder umgekehrt, die Frau neben den Mann oder umgekehrt, die Tochter auf die Mutter, den Sohn auf den Vater. Oder: die Mutter auf die Tochter und darüber die Großmutter, den Vater auf den Sohn und darüber den Gro0vater.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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