Rezeption


 

"...und ich stehe: im stillstand"
Zum Inhalt und zur Rezeption der von Johann Lippet geschriebenen Literatur / Von Daria-Maria Jurca

 

In der ADZ vom 12. Dezember 2001 berichtet Peter Friedrich über die 37. Kulturtagung des Landesverbandes der Banater Schwaben, die Anfang Dezember 2001 in Sindelfingen stattgefunden hat. Im Mittelpunkt der Veranstaltung, deren Anlass das Kollektiv-Trauma der Baragan-Deportation des Jahres 1951 bildete, standen Erinnerungen und Erinnerungsvermögen bzw. deren Umsetzung in literarischen Werken.

Zu den Autoren, die im Rahmen dieser Tagung gelesen haben, gehörte auch Johann Lippet. Johann Lippet wurde 1951 in Wels geboren. 1956 kehrte die in Österreich gegründete Familie Lippet nach Rumänien zurück und ließ sich in Wiseschdia, dem Geburtsort des Vaters, nieder. Dieses Banater Heidedorf ist als eigentlicher Heimatort des Schriftstellers zu betrachten. Nach dem Schulabschluss in Groß-Sanktnikolaus nahm Johann Lippet das Germanistik- und Rumänistikstudium (1970-1974) in Temeswar auf. Er zählt zu den Mitbegründern der Aktionsgruppe Banat, die sich im Frühling 1972 bildete und bis zu ihrer Zerschlagung (1975) in der rumäniendeutschen Literaturszene mit großem Interesse betrachtet wurde.

Die literarischen Anfänge im Zeichen der Aktionsgruppe Banat spielen auch bei der heutigen Rezeption der lippetschen Texte eine wichtige Rolle: "Johann Lippet las aus seinem neuesten Gedichtband 'Banater Alphabet' und erinnerte daran, wie sehr die neue Innerlichkeit bundesdeutscher Prägung in den siebziger Jahren die Banater Literaturszene angeregt hatte". (ADZ, 12.12.2001, S. 3) Als besonders beachtenswert erscheint mir Peter Friedrichs Feststellung, das Publikum sei mit solchen Literaturangeboten eher wenig vertraut gewesen, es habe sie dennoch dankbar entgegengenommen. Diese Bemerkung des Verfassers verweist auf einen wichtigen Aspekt der Rezeption der literarischen Texte von Johann Lippet: Die in Deutschland veröffentlichten Bücher finden, auch bei den Landsleuten, wenig Beachtung. Ausschlaggebend ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass Johann Lippet 1987 ausreist, als der Exodus schon längst angefangen hat, und sich danach von der politischen Szene fern hält. Somit ist Johann Lippet keine politische Repräsentationsfigur seiner Schriftstellergeneration und das trägt dazu bei, dass er in Deutschland weniger bekannt ist als andere generationsgleiche Kollegen, z. B. Richard Wagner.

Im Lyrikbuch "Abschied, Laut und Wahrnehmung" (Heidelberg, 1994) findet man eine von Unsicherheit geprägte Haltung des Ichs, die darauf hinweist, dass der Dichter in der ungewohnten Umgebung nicht Fuß fassen kann: "hier holt mich tag für tag mein gewesenes leben ein, / und ich stehe: im stillstand". Der rumäniendeutsche Kulturraum repräsentiert eine verlorene Welt, von der der Dichter keinen endgültigen Abschied zu nehmen vermag. Die Bilder der heimatlichen Umgebung wandeln sich, kehren wieder und bleiben. Der Verlust des Sich-Heimisch-Fühlens ist aber endgültig und schmerzvoll. Jeder Versuch, es zurückzubringen, bleibt erfolglos, wie ein Gehen im Kreis: "heute nacht träumte ich von zu hause / ich ging den weg der ins dorf führt / im kreis / ich wußte daß die brücke folgen wird / da standen weiß / die blühenden schlehen mir vor den füßen".

Die im Heidelberger Wunderhorn Verlag gedruckten Prosabände ("Protokoll eines Abschieds und einer Einreise" - 1990, "Die Falten im Gesicht" - 1991, "Der Totengräber" - 1997, "Die Tür zur hinteren Küche" - 2000) kreisen um die spezifischen Bedingungen der Minderheitenexistenz, wobei die autobiographische Erfahrung des Autors die zentrale Rolle spielt. Johann Lippet schreibt über eine versunkene Kulturlandschaft, über die durch den massiven Exodus der deutschsprachigen Bevölkerung veränderte, heute untergegangene schwäbische Lebenswelt. Dabei handelt es sich um keine nostalgisch-sentimentale Rekonstruktion einer "heilen Welt", sondern um Identitätssuche und Identitätsfindung durch Literatur, wie es bereits der Debütband "biographie. ein muster" (1980 im Bukarester Kriterion Verlag erschienen) belegt. In seinem Aufsatz "Schwierigkeiten im Umgang mit der Vokabel Heimat" problematisiert Peter Motzan den widerspruchsvollen Heimatbegriff: "Heimat ist Herkunftswelt. Weil man dieser zwangsläufig entwächst, sie ,verliert', verschwimmt sie im nostalgischen Rückblick des öfteren zur Idylle, zum wolkenlosen Ferien- und Kindheitsland." ("Neue Literatur" 8/1987, S. 38)

Interessanterweise gilt dies für Johann Lippet nicht. Das Ich bleibt gleichweit von Verklärung und Demontage entfernt, um eine Formulierung aufzugreifen, die Peter Motzan in Bezug auf Walters Benjamins Berliner Kindheit um Neunzehnhundert verwendet. Johann Lippet geht es nicht darum, das Heimatgefühl und -bewusstsein durch das Schreiben zu erhalten. Als Mitbegründer der Aktionsgruppe Banat gehört der Autor zu einer Generation von Schriftstellern, die sich bewusst gegen die "Heimatkunst" im Sinne von Traditionsorientierung aufgelehnt haben. Das Begrenzte, das das banatschwäbische Milieu im Werk von Johann Lippet darstellt, gewinnt dadurch an Bedeutung, dass es über sich selbst auf etwas Umfassendes hinausweist: die Minderheitenexistenz im Zeichen der sozial-politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Anders als bei Herta Müller ist das schwäbische Dorf als literarischer Topos nur zum Teil ein Kunstprodukt. Die Darstellung der Existenz in der Ortschaft W. (bzw. Wiseschdia) erfolgt aus der Perspektive eines distanzierten Erzählers und beruht auf dem Realismus-Prinzip.

Die Erzählweise ist oft auf eine gewisse "Angst vor dem Schwinden der Einzelheiten" - wie der Untertitel der 1990 veröffentlichten Erzählung "Protokoll eines Abschieds und einer Einreise" lautet - zurückzuführen. Das multikulturell geprägte Banat als Herkunftswelt hat sowohl für Johann Lippet als auch für andere, zum Großteil ausgewanderte, Autoren seiner Generation eine zentrale Bedeutung. In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine Aussage Richard Wagners hinweisen, die von Stefan Sienerth verzeichnet wurde: "Heute bin ich ein Banater Schwabe, der in Berlin lebt". ("'Dass ich in diesen Raum hineingeboren wurde'. Gespräche mit deutschen Schriftstellern aus Südosteuropa", München 1997, S. 92)

Die zitierte Äußerung paraphrasierend, ist Johann Lippet ein Banater Schwabe, der heute in Sandhausen bei Heidelberg lebt. Wie mir während des im Juli 2001 in Sandhausen geführten Gesprächs klar geworden ist, hat sich der Schriftsteller an die binnendeutsche Lebenswelt nicht angepasst. Demzufolge bleibt das zur Identität gehörende Gefühl der Ortsbezogenheit gespalten. Die erinnernde Aufarbeitung der banatschwäbischen Existenz wird das Schreiben von Johann Lippet wohl auch weiterhin prägen. Es gilt hervorzuheben, dass der besondere Beitrag Johann Lippets zur deutschen Literatur nur dann erfasst werden kann, wenn man seine Werke in deren Befähigung zu kultureller Vermittlung wahrnimmt. Ohne den literarischen Beitrag der Schriftstellergeneration, zu der Johann Lippet gehört, wäre die deutsche Literatur - um wieder eine Bemerkung Peter Motzans zu zitieren - sicherlich um mehr als einen exotischen Farbtupfer blasser.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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