Rezension


 

Eine Rezension von Bruno Steiger

Neue Zürcher Zeitung vom 31.07.1998

Blumen aus Deutschland

Johann Lippets Erzählung "Der Totengräber"

"Ist das Unvorhergesehene eingetreten, verläuft alles wie immer." Das Unvorhergesehene ist das, was uns alle erwartet, und das einzige, von dem wir sicher sein können, dass es uns erwartet; für den Totengräber Johann Wiener ist sein Schrecken Routine geworden. In W., einem ehemals banatschwäbischen Dorf in Rumänien, ist er zugange. Von den ursprünglichen zweihundert stehen gerade noch die zehn Häuser, die der buchstäblichen Einebnungspolitik des Regimes entgangen sind. Die meisten Bewohner haben sich nach Deutschland, weit in den Westen ihrer Abstammung, gerettet, die letzten sieben sterben innerhalb von zwei Tagen an einer "rätselhaften" Krankheit. Ihnen schaufelt Johann Wiener das Grab, bevor er beschliesst, "den Friedhof zu neuer Blüte zu erwecken".

Der Autor erzählt mitten aus dem exotisch-archaischen Glamour eines verödeten Mitteleuropa heraus. Aus einer Landschaft, die in den Restriktionen einer totalitären Staatsidee systematisch ausgebrannt wurde und die, auch nach deren Aushebelung, sich nicht erholen will. Der alte Geist der Einschränkung, der Knebelung des Individuellen ist überall noch zu spüren. Die Freuden des offenen Marktes und des überflüssigen, lange als Gerücht herumgeboten, werden nur als Versprechen wahr. Nach wie vor ist alles Ersatz, der Traum vom Glück durch nicht behinderten Einkauf und Verbrauch bleibt Traum; noch immer muss weggehen, wer ihn sich erfüllen will.

Den Zurückbleibenden bleibt wenig mehr als das immer schon Vorhandene: das Stoppelfeld draussen vor dem Dorf, das ihm abgerungene Unverzichtbare, das genormte Minimum ? und der Ersatzkaffee als die ungeniessbare Luxusattrappe. Getrunken wird er noch immer unter den Augen eines jener Milizmänner, die nach Einbruch der Dunkelheit in der Bar von L., dem "Zentrum der Aussenwelt", vorbeischauen und am Tresen stehend einen Kognak kippen. Die Bar im ersten Stock ist nur zwei Stunden geöffnet, abends, zu wechselnden Uhrzeiten, die per Mundpropaganda bekanntgemacht werden. Auf Strassenhöhe finden sich neue Ladengeschäfte, an den versperrten Türen die altbekannten handgeschriebenen Zettel des Parteikomitees: "Geschlossen"; "Vorläufig geschlossen"; "Geschlossen bis zu neuen Dispositionen"; "Sind im Mais", "Sind in den Rüben".

Gegen solche Botschaften? und gegen die Absicht des Bürgermeisters, aus der Gemeinde "ein agroindustrielles Zentrum zu machen" ? richtet sich die melancholisch-verstockte Revolte des Johann Wiener, der "seinen" Friedhof in einen Garten der Toten umwandeln will, mit Geldmitteln der Aussiedler. Im "Grossen Bilderlexikon der Pflanzen oder so", das ihm der Lehrer vor der Ausreise überliess, verschafft er sich die dazu notwendigen botanischen Kenntnisse, schreibt sich die Namen von geeigneten Sträuchern heraus. In den Exzerpten legt sich die Struktur des Friedhofs �ber die Wörter, aus ihr filtert er die Liste f�r den Blumentransport aus Deutschland: �Und das ist die L�sung f�r den Weg im Friedhof. Lebender oder Bl�hender Stein, die Bl�tter sind von runden Kieseln kaum zu unterscheiden, gelbe, sternenblumen�hnliche Bl�te.� Doch es ist zu sp�t ? zu fr�h? ?: Das Verh�ngnis, das Ende l�sst sich nicht aufhalten.

Johann Lippet, Jahrgang 1951, war Gr�ndungsmitglied der literarischen �Aktionsgruppe Banat�, sp�ter Dramaturg am Deutschen Staatstheater in Temeswar; seit 1987 lebt er in Heidelberg. �Protokoll eines Abschieds und einer Einreise oder Die Angst vor dem Schwinden der Einzelheiten�, der Titel seiner 1990 erschienenen bisher letzten Prosa, umreisst auch das Klima des neuen Buches. Ein beunruhigend unkomischer Humor, nah am Grotesken, Ersatzhumor wahrscheinlich, durchzieht auch diesen Roman der Erinnerung und der Trauer.

 


 

 

Eine Rezension von Christina Tudorica

 

Berliner LeseZeichen, Ausgabe 'Literarische Entdeckungen', Juni 1998 www.berliner-lesezeichen.de

 

Ein Dorf in der Banater Heide

Johann Lippet: Der Totengr�ber, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1997, 124 S.

Johann Lippet, Gr�ndungsmitglied der Aktionsgruppe Banat - jenes 1972 in Temeswar entstandenen Literaturkreises junger deutschsprachiger Autoren, die gegen die Einengung ihres freien Schaffens durch den Provinzialismus in der eigenen Kulturtradition wie auch durch die Verbote eines sozialistischen Staates ank�mpfen - erz�hlt die Geschichte eines seltsamen banatschw�bischen Dorfes: ?Nikolaus Wiener ist seit acht Wochen tot. Die Einwohnerzahl von W. ist um 25% gesunken, und die Aussichten, da� sie noch wachsen wird, stehen schlecht.?

Das Dorf W., in der Banater Heide, umfa�t zu Beginn der Erz�hlung - 1984 - noch acht Bewohner und zehn H�user, von denen vier leer stehen: ?Mehr war nicht �briggeblieben von dem ehemaligen Dorf mit hundertsiebenundachtzig Hausnummern, Schulgeb�ude, Wirtshaus und Kulturheim mit eingerechnet. Die Kirche, der ehemalige Mittelpunkt des Dorfes, steht gegenw�rtig am Dorfrand.? (S. 16-17) Am Rand der Geschehnisse steht aber in diesem Ort am Ende der Welt vor allem das Leben selbst, zu dessen Inhalt der Tod wird. Wie durch eine Magie des B�sen sterben sieben Menschen auf einmal, und der einzige Nachfolger der vor gut zweihundert Jahren zugezogenen Siedler aus S�dwestdeutschland, die das damals �sterreichische Banat vor dem Osmanischen Reich sch�tzen sollten, bleibt Johann Wiener. Seinen nach dem Krieg - in einer Zeit des Nachdenkens �ber die ?eigene Schuld? und der ?Aufbauarbeit in der Sowjetunion und danach der Umsiedlung in den Baragan? (S. 15) - wertvollen Beruf des Schusters gibt er nun auf, um den zukunftstr�chtigen des Totengr�bers zu �bernehmen. Anhand seiner Gestalt beschreibt Johann Lippet exemplarisch den irreversiblen Untergang der banatschw�bischen Minderheit.

Der Lebensmittelpunkt des einzigen Bewohners und Fortsetzers der Dorftradition in W. verlagert sich auf den Friedhof. Sorgf�ltig mit Nummern versehene Kreuze ersetzen die Hausnummern der abgerissenen oder unbewohnten H�user. Der freiwillig ausgesuchte Lebensinhalt Johann Wieners, die Pflege des Friedhofs, wird begeistert von den ausgewanderten Verwandten aus dem Westen finanziell unterst�tzt, die zu diesem Zweck eine Gesellschaft zur Rettung des Friedhofs gegr�ndet haben. Die lokalen rum�nischen Autorit�ten sind mit den Pl�nen Johann Wieners auch einverstanden, weil sie eine willkommene Valutaquelle darstellen. Auf diese Weise sind die Voraussetzungen f�r ein sinnloses Unterfangen geschaffen.

Johann Wieners Leben spielt sich nun zwischen den gewissenhaften, erf�llenden und sogar innovativen T�tigkeiten an seinem Arbeitsplatz - dem Friedhof - und seiner Erholungsst�tte - der K�che - ab. Dieser auf das Extremste reduzierte Bewegungsraum wird zur Metapher f�r die Engstirnigkeit einer Mentalit�t, die um keinen Preis die Kapitulation ihrer l�ngst untergegangenen Vormachtstellung einsehen m�chte.

Die Absurdit�t der Bem�hungen, durch die Johann Wiener beharrlich und unnachgiebig - allen Schwierigkeiten zum Trotz - sein Ziel verfolgt, wird vor allem durch die Pr�gnanz des Details deutlich. Die geduldige Aufz�hlung der Lexikoneintragungen von Pflanzen, die den Friedhof zieren k�nnten, die Kochrezepte aus der banatschw�bischen K�che oder bis in die letzte Einzelheit geschilderte Abl�ufe, wie der Umgang mit dem Bohrer zwecks Einrichtung eines Pumpbrunnens auf dem Friedhof, sind nur einige Beispiele f�r �bertriebene Detailschilderungen, die beim Leser die Frage nach dem Sinn allen Handelns aufkommen lassen. Die Antwort dr�ngt sich auf: Nur ein Sich-Klammern an Belanglosigkeiten, ein Sich-Verlieren im Unwesentlichen kann die Selbstt�uschung aufrechterhalten, deren Protagonist der Totengr�ber ist.

Die Ironie des Schicksals will es aber, da� gerade Johann Wiener - ?von einer zu alten Frau geboren, mit einem Vater, der zu weit gegangen war? -, den die Dorfbev�lkerung in ihrem primitiven Aberglauben f�r ?mi�raten? hielt, sich als Retter und verzweifelter Verteidiger der untergehenden Tradition versteht.

In der Person des Einzelg�ngers Johann Wiener koexistiert aber neben dem Verfechter der banatschw�bischen Identit�t mitsamt den von ihr verk�rperten Werten auch die Kom- plexit�t einer Minderheitenexistenz in der oft verzweifelten Bestrebung, sich gegen�ber der Mehrheit und in der Geschichte zu behaupten.

Die Konflikte des Minderheitlers �u�ern sich vor allem in der Unsicherheit, mit der sich Johann Wiener zwischen seiner eigentlichen Muttersprache - dem Dialekt -, der Landessprache - dem Rum�nischen - und der Wunschsprache - dem Hochdeutschen - bewegt. Er versucht mit allen Kr�ften, die Werte der Gemeinschaft, zu der er geh�rt, zu verteidigen und zu erhalten, indem er alles, was fremd, d. h. ?rum�nisch? ist, abweist. Als seine Landsleute sterben, will er den rum�nischen Pfarrer nicht rufen, und die Rum�nen sind entweder die Repr�sentanten der gef�rchteten Staatsmacht (z. B. der B�rgermeister), mit denen er geschickt Kompromisse aushandelt, um den labilen Minderheitenstatus zu sch�tzen, oder aber die sozial tiefer Gestellten, die bereit sind, f�r Geld bestimmte Leistungen zu erbringen und Schwarzmarktprodukte zu besorgen. Fremd sind ihm aber gleichzeitig die nach Deutschland ausgewanderten Landsleute, die er nur deshalb braucht, weil sie das f�r die Identit�tserhaltung notwendige Geld bereitstellen.

Um die Verzweiflung und auch die Sinnlosigkeit der Identit�tsbehauptung deutlich zu machen, setzt Johann Lippet Elemente des Absurden ein. Sein Hauptheld l�ftet unbewohnte H�user, in die nie wieder jemand einziehen wird, geht nicht in Arbeitskleidung in die Kirche, l�utet Sonntag mittag die Glocken, geht ?Allerheiligen? festlich gekleidet auf den Friedhof etc. Das alles in einem bis auf ihn menschenleeren bzw. sp�ter von insgesamt vier Einwohnern bewohnten Dorf.

Beachtenswert ist allerdings, da� Lippet eine nahtlose Verkn�pfung dieser irrealen mit einer �u�erst realit�tsnahen Ebene gelingt. Es handelt sich um die aktuelle politische, soziale und wirtschaftliche Lage im Rum�nien der achtziger Jahre. Die nuancierte und bis in die kleinsten Details gehende Schilderung von Bestechung, Versorgungsschwierigkeiten und von vielf�ltigen allt�glichen Unfreiheiten und Abh�ngigkeiten haben nicht nur dokumentarischen Wert. Die Tatsache, da� das Reale und das Irreale nebeneinander stehen k�nnen, ohne da� Kontraste sichtbar werden, zeigt im Grunde nur, wie austauschbar diese beiden Kategorien sind, und wird zum Kennzeichen einer verkehrten Welt.

Mit dem Umbruch im Dezember 1989 verschwindet auch jene Enklave, in der die Karikatur des Minderheitendaseins in der Gestalt Johann Wieners ungest�rt dahinvegetierte. Als Holger Schirmer, der Vertreter der nach Deutschland ausgereisten Landsleute, W. �bernehmen m�chte, verliert die Versprechung, mit der Johann Wiener seine drei Verwandten aus den Banater Bergen zu sich geholte hatte, endg�ltig ihren Sinn: ?Verge�t nicht, in W. sind wir die Herren.? (S. 68) Die letzten beiden Dorfbewohner fallen einem ?Racheakt konterrevolution�rer Kr�fte? zum Opfer, und die Minderheitenexistenz wandert vom Friedhof in die Ahnenbibliothek.

Die Dichte der �berst�rzten Ereignisse sowie die Verkn�pfung des Absurden mit dem Grotesken auf den letzten Seiten des Buches sind eine Abweichung von dem bis dahin regelm��igen Erz�hlflu� und damit die Ursache eines Ungleichgewichts. Manchmal sind aber grelle Farben erforderlich, um den ?Status quo? zu veranschaulichen. Trotzdem bleibt der leichte, st�ndig sp�rbare ironische Zug der Erz�hlung bis zum letzten Satz erhalten, und der Leser ist gespannt auf die Zukunft: ?Ich verstehe nichts, sagt Monika. Heute abend im Hotel erz�hle ich dir die ganze Geschichte.? (S. 124)

 


 

 

 

 

 

 

 

 

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