Rezension


 

Eine Rezension von Cristina Tudorica

Berliner LeseZeichen, Ausgabe 08/01 (Internetausgabe) (c) Edition Luisenstadt, 2001 www.berliner-lesezeichen.de

Johann Lippet: Die Tür zur hinteren Küche
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2000, 320 S.

Die letzten Jahrzehnte der rumäniendeutschen Literatur zeichnen sich hauptsächlich durch Lyrik und Kurzprosa aus. Literaturkritiker haben häufig über die Gründe dieser Entwicklung gerätselt und eine wichtige Rolle der sprachlichen Situation zugeschrieben: Das öffentliche Leben innerhalb des von der rumänischen Sprache geprägten institutionellen Rahmens - hieß es - ließe sich mit deutschen Sprachmitteln nicht adäquat erfassen. Namen von Institutionen und Autoritäten könnten zwar übersetzt werden, würden aber eine breit angelegte epische Darstellung steril und fremd erscheinen lassen.

Johann Lippet gelingt mit seinem Buch Die Tür zur hinteren Küche ein mehrfacher Durchbruch: Er widerlegt die Hypothese von der sprachlichen Unzulänglichkeit und legt einen Roman vor, der durch das gelungene Zusammenspiel von komplexer Thematik und erzählerischem Können alles andere übertrifft, was die moderne rumäniendeutsche Literatur auf dem Gebiet der epischen Gattung hervorgebracht hat. Damit situiert sich der Autor außerhalb der subjektivistisch-introspektiven Tendenz, die vor allem durch die Kurzprosa von Herta Müller geprägt wurde.

Das verbindende Element der Handlung ist die Familiengeschichte der Lehnerts. Um sie herum webt sich ein Netz von Beziehungen, das Verwandte, Bekannte, Nachbarn und Freunde einschließt. Anton und Maria Lehnert kehren 1956 nach überstandener Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit mit ihren in Österreich geborenen vier Kindern in das kleine, 178 Hausnummern umfassende banatschwäbische Heimatdorf Wiseschdia zurück. Als Anton Lehnert 1985 stirbt, sind die restlichen Familienmitglieder entweder ausgewandert oder schon tot.

Das schrittweise Ableben der banatschwäbischen Bevölkerung wird im Gesamtzusammenhang der Wertedegradierung in der rumänischen Gesellschaft der Nachkriegszeit betrachtet. Als einziger Schriftsteller seiner Generation überschreitet Lippet den Rahmen der Minderheitenproblematik und stellt die Auswirkungen eines totalitären Systems auf die Entwicklung von Individuum und Gemeinschaft, auf die Wechselbeziehung zwischen persönlichem und kollektivem Schicksal dar, unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit.

Ein derartiges ?landübergreifendes? Ereignis ist die 1945 eingeleitete Agrarreform. Sie hatte Enteignungen bei der Mehrheit und den Minderheiten als Folge:

?Nun war die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung von Wiseschdia Mitglied der Kollektivwirtschaft, und aus selbständigen Bauern war eine Bauernschaft geworden? (S. 45).

Dieser Prozeß, der nichts anderes als die Zerstörung eines Agrarlandes mit Tradition bedeutete, wird in seinen folgenschweren Auswirkungen über den gesamten Verlauf des Romans beschrieben. Die Zwischenbilanz ist ernüchternd einfach:

?Ein Großteil der Leute des Dorfes war wohlhabend geworden im Vergleich zum ersten Nachkriegsjahrzehnt. Sie arbeiteten in der Kollektivwirtschaft und pflanzten ihr Gemüse für den Export in den Hausgärten? (S. 159).

Das geschah in einem Land, wo der Rhythmus des Lebens noch von den ursprünglichen Naturereignissen bestimmt wurde und wo die Menschen viel eher den Monat, in dem die Kuh gekalbt hatte, im Gedächtnis behielten als Gagarins Weltraumflug.

Letzten Endes geht alles zugrunde, weil es keinem gehört und keiner sich zuständig fühlt. Eines von vielen Beispielen ist die Umweltverschmutzung:

?Vier Jungs in Karls Alter hatten trotz des Verbots ihrer Eltern im Wasserloch gebadet und einen merkwürdigen Ausschlag bekommen. Der Sumpfteich, hinter dem Maulbeerwald nach Triebswetter gelegen, war mit den Jahren durch die Mistbeete, welche die Kollektivwirtschaft an seinen Ufern anlegte, verseucht worden. Die Jauche hatte das Wasser bräunlich gefärbt, das Schilfrohr, das früher mal mehr als die Hälfte der Teichfläche einnahm, war abgestorben, Vögel und Frösche verschwunden? (S. 172).

Das Leben wird zum Über-Leben. Das Geld, durch harte Feldarbeit erworben, reicht kaum für die Befriedigung der Grundbedürfnisse aus.

Die laut und stark propagierte Chancengleichheit aller sozialen Schichten äußert sich unter anderem darin, daß Susanne, der Tochter der Lehnerts, ein Stipendium für das Studium verweigert wird, weil die Nebenverdienste ihres Vaters, bezogen auf die LPG-Einkünfte, als zu hoch eingestuft werden.

Das auf Unterdrückung und Restriktionen basierende System fordert regelmäßig seine Opfer: Der Lehrer Jakob Burger erhängt sich aus Angst, sein Dossier würde überprüft. Der Sohn der Lehnerts stirbt beim Versuch, heimlich die Grenze zu überschreiten: ?Offiziell war Kurt Lehnert durch einen Unfall ums Leben gekommen, vom Traktor überrollt? (S. 194). Anni Faulhaber, Susannes Freundin, wirft sich vor den Zug. Die einzige Konstante eines von Entbehrungen gezeichneten Daseins ist die Ausweglosigkeit: ?Sie hatten ein Leben lang gearbeitet, damit es den Kindern mal besser gehe, und lebten in der Angst, keine Zukunft mehr zu haben? (S. 193).

Hier ist ein subtiler Beobachter am Werk, ein Autor, der das erzählerische Handwerk versteht: Jede Begebenheit, selbst belanglos erscheinende Vorfälle finden ihre Entsprechung jenseits des oberflächlich ruhig dahinfließenden Dorflebens im dichten Geflecht politischer, wirtschaftlicher und sozialer Mißstände. In diesem Umfeld müssen gewöhnliche Menschen - keine Helden und keine Dissidenten - ihren Alltag bewältigen. Das bedeutet, daß sie sich häufig in Grenzsituationen befinden, in denen die Entscheidung für oder gegen ein moralisch integres Verhalten aus einer Gewissens- zu einer Überlebensfrage wird. Anton Lehnert richtet sich nach dem Grundsatz: 'Die sollen machen, was sie wollen, und ich mach, was ich will? (S. 165). Ein totalitäres System duldet aber keine Einzelgänger. Symbolisch für Anton Lehnerts kompromißlose Haltung ist seine Weigerung am Ende des Romans, auf Befehl des Soldaten stehenzubleiben und sich der Ausweis- und Körperkontrolle zu unterziehen. Der Schuß tötet ihn, allein sein Ausruf: ?In die Luft!? (S. 320) ist Ausdruck seines letzten freien Entscheidungswillens.

Die sich über drei Jahrzehnte spannende Geschichte schafft gleichzeitig den Rahmen für eine aufmerksame Beschreibung jener wiederkehrenden Rituale, die das Leben der schwäbischen Gemeinschaft prägten und zusammenhielten. Ausführliche Schilderungen einer Hochzeitsfeier oder des Kirchweihfestes erscheinen als verlängerte Momentaufnahmen einer untergehenden Welt. Die Minderheitenexistenz hat sich auf patriarchale, steife Lebensformen reduziert, die das herannahende Ende hinauszögern, aber keine Grundlage für ein wirkliches Leben mehr sein können.

Das geerbte Haus im größeren Nachbarort Biled haben die Lehnerts verkauft und damit auch den Gedanken aufgegeben, dahin überzusiedeln: Ein Radio hatten sich die Lehnerts von dem Verkaufserlös trotzdem gekauft. 'Autofahrer unterwegs' aus Wien und die Hitparade des Saarländischen Rundfunks waren ihre Lieblingssendungen (S. 129). Daß auf diese Weise und durch das Verfolgen der wöchentlichen deutschen Sendung im Fernsehen keine kulturelle Tradition weiterleben kann, liegt auf der Hand.

Das Verhalten gegenüber rumänischen Mitbürgern erscheint im Zusammenhang der auseinanderbröckelnden Minderheitenexistenz nur als verständlicher Ausdruck der Selbsterhaltungsstrategie. Die Rumänen gehören als notwendiges Übel zum Leben, werden aber in den engen Kreis der Minderheit nicht wirklich aufgenommen oder anerkannt.

Rosalia Potje hatte einen rumänischen Mann geheiratet, um der Verschleppung nach Rußland zu entkommen, was im Dorf über Jahre Anlaß zu abschätzigen Bemerkungen gewesen war. Anton Lehnert bricht die Beziehung zu seiner Tochter ab, als diese einen Rumänen heiratet.

Entscheidungen entstehen kaum noch aus freiem Willen, sondern viel eher als Gegenreaktion auf alltägliche Einschränkungen. Susanne heiratet nicht aus Liebe, sondern um die Auswanderungsformalitäten zu beschleunigen. Der obligatorische Anstandsbesuch ihres künftigen Mannes Richard Schmidt im Haus der Lehnerts, bei dem er um die Hand der Tochter anhält, hat nichts von der Aufbruchstimmung eines Neuanfangs:

'Kaffee tranken nur Susanne, Richard und Maria. Die Eltern sprachen von den verstorbenen Familienangehörigen, Richard und Susanne saßen schweigend nebeneinander. Dann lud Anton zu einem Rundgang durch Hof und Garten ein' (S. 308).

Der Kreis der Hinterbliebenen wird immer enger, so eng, daß die Tochter durch die Eheschließung denselben Namen tragen wird wie ihre Mutter als Mädchen.

Man könnte meinen, die Hauptgestalt des Romans sei Anton Lehnert. In der zweiten Hälfte des Buches tritt aber seine Tochter Susanne in den Vordergrund. 1951 in Wels geboren, studiert sie Germanistik und Romanistik in Temesvar, um anschließend als Deutschlehrerin zu arbeiten. Die biographischen Daten sind identisch mit denen des Autors.

Trotz unverkennbarer Realitätsbezüge ist der Roman viel mehr als eine Sammlung von Biographien. Lippet gelingt durch seine brillante Erzählkunst eine bemerkenswerte Leistung: Von den Seiten des Buches verbreitet sich mächtig und dunkel die Stimmung des Untergangs. Charaktere und Schicksale wirken in ihrer vergänglichen und kurzlebigen Erscheinung wie Bewohner eines immer enger werdenden Lebensraums, der schließlich verschwindet.

Am Ende des Romans wird die hintere Küche vom Milizmann der Gemeinde als Vertreter der Staatsgewalt betreten. Diese Handlung hat symbolischen Wert: Sie kommt der Verletzung eines geschützten Territoriums gleich. Damit hat sich jener magische Raum aufgelöst, der das letzte Refugium der Minderheitenexistenz gewesen war.

Ob die Auswanderung, als letzter möglicher Ausweg ins Unbekannte, Rettung und Leben bedeuten wird, ist zweifelhaft.

Das Gedicht ?Die regelmäßige Steigerung? aus dem 1994 erschienenen Band Abschied, Laut und Wahrnehmung nimmt das unausweichliche Ende vorweg:

?da war die vergangenheit
so tief wie ein loch
da war die gegenwart
so tiefer wie ein loch
da war die zukunft
der abgrund?

 

 


 

Eine Rezension von Gabriele Weingartner

Erschienen in literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2001 (3. Jahrgang) » Deutschsprachige Literatur

Erzählen bis zum bitteren Ende

 Über Johann Lippets neuen Roman "Die Tür zur hinteren Küche"

Dieses Leben war ein Roman. So sagt man gelegentlich im Nachruf auf einen Menschen, dessen Biographie in abenteuerlichen Kurven verlief. Nicht zuletzt das Außergewöhnliche, ja Skandalöse, das manche Lebenläufe auszeichnet, will man damit umschreiben: exotische, erotische, skurrile Verwicklungen, die eine Frau oder einen Mann der so genannten Normalität entreißen.

Umgekehrt aber eignen sich solche Figuren auch bestens dazu, in Romanhandlungen integriert zu werden. Nichts schätzen Leser mehr als heillose Wirren, die fiktiven Personen widerfahren. Emotional ist man da sozusagen auf der sicheren Seite, denn was hat ein Stück Prosa mit dem Leben zu tun? So schlimm, wie es sich in manchen Romanen gebärdet, kann es doch in Wirklichkeit gar nicht sein.

Wie aber reagiert man auf einen Roman, von dem man weiß, dass er Geschichten verhandelt, die so oder nur wenig anders tatsächlich passiert sind? Kann man sich da als Leser gefühlsmäßig heraushalten? Verstellt die literarische Fiktion die Sicht auf das wahre Leben, von dem da erzählt wird? Oder verhindert literarische Wertschätzung gar die wahre Empfindung?

Dies sind die Fragen, die man sich während und nach der Lektüre von Johann Lippets Roman "Die Tür zur hinteren Küche" immer wieder stellt. Der rumäniendeutsche Schriftsteller, 1987 nach Heidelberg gekommen und dort geblieben, hat in seinem neuen Buch in der Tat die Geschichte seiner Familie erzählt. Dass es die pure Realität ist, von der er berichtet, kann man auch an den Stationen seiner eigenen Biographie erkennen, die darin getreulich wiederkehren: die Dorfkindheit, das Germanistikstudium in Temeswar, Lehrerdasein und politische Unterdrückung, schließlich die Ausreise.

Aber es ist doch zugleich eine Art von Wirklichkeit, die alle Banater Schwaben erlitten, die damals Ceau?escus Terrorsystem zu überstehen und ihre Sprache zu retten versuchten, enteignet wurden, im Kollektiv arbeiten mussten, sich "arrangierten" mit privat betriebenem Gemüseanbau, ihre Familie damit durchbrachten und wenigstens eine Zeitlang ein auskömmliches Leben hatten. Spätestens in den siebziger Jahren jedoch war es vorbei mit dem ohnehin lasch gewährten Minderheitenschutz, es verarmten und verkamen die Dörfer, aus den ehemals wohlhabenden Bauern wurden Tagelöhner, die ihre Kinder, Eltern und Großeltern verließen und in die Städte gingen. Oder sie emigrierten nach qualvollem Warten und Zeiten der schlimmsten Repression und ließen lange nichts von sich hören. Ziel war die Bundesrepublik Deutschland, und dort führten sie dann ein völlig anderes Leben.

Johann Lippet tut also zweierlei: Er erzählt die Geschichte seiner eigenen Familie und zugleich die Geschichte jener Volksgruppe, die von Maria Theresia und Joseph II. im 18. Jahrhundert zur Kolonisation ins Land gerufen worden waren. Er ist zugleich geschichtsbewusst und dennoch höchst persönlich-privat, ohne das eine oder das andere zu verleugnen. Denn die Eheleute Lehnert, die mit ihren vier Kindern aus dem sicheren Österreich nach Rumänien zurückkehrten, weil ihnen dort ein Haus und ein Stück Land versprochen wurden, sind ungemein exemplarisch bis zu ihrem bitteren Ende. Und andererseits bieten sie so immens viel Stoff für bizarre Geschichten, dass sie sich fast zwangsläufig in höchst funktionale Romangestalten verwandeln.

Hier schließt sich denn auch der Kreis. Es gibt Menschen, die haben eine im Wortsinn skandalöse Biographie, weil eine wahnsinnig gewordene Politik ihr Leben völlig durcheinander brachte, und solche Lebensläufe gab es häufig im vergangenen Jahrhundert. Hier hat die Geschichtsschreibung noch viel aufzuarbeiten am unteren Ende der Bevölkerungspyramide. Wenn aber ein Schriftsteller sich dieser Zeitläufte annimmt und daraus einen Roman macht, so kann daraus Literatur werden. Wenn der Leser Glück hat. Bei Johann Lippet ist dies der Fall. Und seine persönliche Betroffenheit schärft erfreulicherweise eher seinen Blick, als dass sie ihm Sentimentalitäten gestattete.

Wenngleich er also beträchtliche Sorgfalt darauf verwendet, die Sitten und Gebräuche der Banater Schwaben so authentisch wie möglich zu schildern, ja die längst nicht mehr existierende bäuerliche Lebenswelt zu bewahren sucht, indem er sie fast emotionslos abbildet, tut er doch viel mehr als dies. Wie Herta Müller, die gleichfalls die alten Gefilde nicht verlassen kann, obwohl sie schon seit mehr als zwanzig Jahren in der Bundesrepublik lebt, betreibt auch dieser Autor Mentalitätsgeschichte, lässt Charaktere erstehen, die dadurch lebendig werden, dass sie miteinander in Beziehung treten und dabei Gefühle entfalten, deren gesellschaftliche Voraussetzungen längst nicht mehr existieren.

Es sind breit gefächerte, ritualisierte Familienbande, die Lippet akribisch, ja fast gemächlich beschreibt, Feindschaften, Liebschaften, nachbarliche Gepflogenheiten und Animositäten. Vettern, Basen, Tanten, Onkel, Schwägerinnen und Schwäger, Freunde und Freundinnen. Lehrer, Traktoristen, Unangepasste und Angepasste. Durch die Tür zur hinteren Küche im Haus der Lehnerts im Dorf Wiseschdia kommen sie alle, frohlocken und klagen, treiben Handel, tauschen Klatschgeschichten aus, intrigieren, helfen einander in stiller Opposition zum totalitären Staat, mit dem man nichts zu tun haben will, solange er einen nur in Ruhe lässt.

Erst die Kinder und Enkel dieser ersten Nachkriegsgeneration geraten unweigerlich in Gegnerschaft zum Regime, haben mit Indoktrination, Zensur, ständiger Gängelung zu kämpfen. Und sind doch auch längst nicht mehr bereit, ihre persönlichen Bedürfnisse hinter jene festgefügten Familienstrukturen zurückzustellen, die sie vor dem staatlichen Zugriff emotional vielleicht noch eine Weile geschützt hätten. Lippet ist allerdings weit davon entfernt, die Starrheit der herrschenden Konventionen zu romantisieren. Familien sind bisweilen gleichfalls totalitäre Systeme.

Aber er erzählt dennoch bis in die kleinsten Verästelungen die Geschichte seines weit verzweigten Clans, wobei das Ehepaar Lehnert und seine Kinder im Zentrum stehen: unaufgeregt, ohne poetische Übertreibung, frei von jeder auftrumpfenden Redseligkeit, in kurzen, geradlinigen Sätzen, mit vielen knappen Dialogen, die die bäuerliche Redeweise wieder aufleben lassen, die gleichfalls ohne Umschweife vonstatten ging. Die Beschreibung von Mangel und Ärmlichkeit bedarf nicht der Eleganz, sondern der Präzision.

Beeindruckt freilich wird der Leser zunehmend von der stillen Beharrlichkeit, mit der der Autor den einzelnen Lebensläufen nachgeht und dabei doch immer in der gleichen inneren und äußeren Landschaft bleibt: Nie lässt er es zu, dass jemand in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, jedes Familienmitglied ist gleich wichtig, keines geht verloren.

So wird denn auch wirklich erzählt bis zum bitteren Ende. Die drei Töchter Anton Lehnerts gehen in den Westen, der Sohn stirbt unter mysteriösen Umständen an der Grenze zu Jugoslawien, die Ehefrau an Krebs. Und auch der Bauer selbst wird Opfer des Systems und bei einer Ausweiskontrolle erschossen. "Leck mich am Arsch" sagt er zu dem Soldaten, der ihn aufhalten will, wahrscheinlich war dies die einzige widerständige Bemerkung in seinem ganzen Leben. Als Leser empfindet man deshalb Respekt vor Anton Lehnert, aber auch Entsetzen vor der grässlichen Leere, die sein plötzlicher Tod bedeutet.

Die Familie, die am Anfang des Romans in ein neues Leben aufbrach, existiert nun nicht mehr. Und Johann Lippet bietet keinen Trost an, womit man die Leere füllen könnte - nur ein Buch, das sie für immer dem Vergessen entreißt.

 


 

Eine Rezension von Jan Koneffke

Erschienen in "FREITAG - die Ost-West-Wochenzeitung", Nr. 42 vom 12.10.2001

 

Farre Färse

ARCHÄOLOGIE DES VERLORENEN Die Beschwörung einer untergegangenen Welt in einem Roman und neuen Gedichten des rumäniendeutschen Autors Johann Lippet

Der rumäniendeutsche Autor Johann Lippet, der 1951 im österreichischen Wels geboren wurde und wenige Jahre später mit seinen Eltern nach Rumänien übersiedelte, erzählt in seinem Roman mit dem unspektakulären Titel: Die Tür zur hinteren Küche offenbar ein Stück autobiographischer Geschichte. Im Buch heißt die Familie Lehnert und nicht Lippet, aber die Überschneidungen mit der Lebensgeschichte des Autors sind unübersehbar.

Die Eheleute Anton und Maria Lehnert teilen das Schicksal anderer deutschstämmiger Familien, die der Krieg auseinandergerissen und versprengt hat, sei es, dass sie als Soldaten der Wehrmacht in Kriegsgefangenschaft geraten oder als Daheimgebliebene der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt zur Zwangsarbeit verschleppt werden. Diese Geschichte skizziert Lippet freilich nur. Wenige, protokollhafte Sätze widmet er den Motiven der Lehnerts, ins Heimatdorf zurückzukehren: "In Rumänien war ein Dekret über die Erleichterung der Repatriierung und die Amnestie der Repatriierten erschienen, das Gastgeberland (Österreich) drängte die Flüchtlinge nach dem Abzug der Besatzungstruppen, sich für eine Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Und sie hatten dem Drängen und den Wunschvorstellungen derer von zu Hause nachgegeben: ...Arbeit gebe es doch überall und schon wegen der vier Kinder sei es zu Hause sicherer."

Vermutlich wird die Vor-Geschichte der dramatischen Verluste der Kriegs- und Nachkriegszeit so kurz und bündig abgehandelt, weil sie sich nicht mit dem Erfahrungshorizont des Autors decken. Der interessiert sich für die Versagungen, kleinen Hoffnungen und den schleichenden Verfall im Rumänien von den 50ern bis in die 80er Jahre. Überhaupt ist er kein dramatischer, sondern ein äußerst diskreter Erzähler. So beginnt der Roman beinahe idyllisch in der Tradition der provinziellen rumänischen Dorfliteratur: "An einem Oktobermorgen 1956 holperte ein Pferdewagen über den Feldweg auf Wiseschdia zu."

Es ist auch kein soziologisches Interesse, das den Autor leitet. Obwohl sein Buch plastisch darüber Auskunft gibt, wie man in den deutschen Dörfern des Banat unter der Herrschaft der Kommunisten lebte, wie der Alltag der Arbeit und sozialen Verhältnisse aussah, erinnert die präzise Beschreibung der Realien immer wieder auch an eine Beschwörung der untergegangenen Welt. Hier erzählt jemand voller Trauer darüber, dass diese Welt nicht mehr existiert, und dass die Sehnsüchte und Wünsche derer, die sie bevölkerten, nie in Erfüllung gegangen sind.

Was dem Leser mitunter in seinem Realismus übertrieben scheint, weil er es so genau gar nicht wissen will ("Das Schulgebäude war L-förmig angelegt, bestand aus zwei Klassenzimmern, der Lehrerwohnung und dem Pionierzimmer"), findet seine erzählerische Legitimation im Angesicht des Verlustes, dessen Chronist Johann Lippet ist. Auf den letzten Seiten des Romans erfahren wir vom Zerfall des Dorfes, weil die Pressionen des Staates und seine Misswirtschaft die Menschen nach Deutschland oder sogar in den Selbstmord getrieben haben. "...das Ansiedlerhaus...war ein von Gras überwucherter Erdhaufen...das nächste Haus stand leer, der hintere Teil war eingestürzt...vom Haus des Thomas Ritter standen nur noch die Grundmauern...der Schulbus verkehrte nicht mehr. Treibstoffmangel."

Die genauen Beschreibungen erst machen es dem Leser möglich, die erlittenen Verluste zu erahnen. Gleichzeitig birgt solche Genauigkeit, die der Autor schon bei seinem Protokoll eines Abschieds und einer Einreise von 1990 bewies, einige erzählerische Risiken. Was nämlich im Protokoll gelang, die Registratur ebenso absurder wie entwürdigender bürokratischer Mechanismen, wirkt im Kontext einer Familien- und Dorfchronik auf die Dauer ermüdend. So baut Lippet im ersten Teil des Romans keinerlei Spannungsbogen auf, die Verwandtschaftsverhältnisse sind kompliziert und werden immer unübersichtlicher, die einzelnen Episoden, die von Kollisionen der Familienmitglieder untereinander oder mit den Verhältnissen berichten, bleiben zu kleinteilig und erzeugen bloß über eine oder zwei Seiten lang Leselust.

Im zweiten Teil des Buches konzentriert sich der Autor hingegen auf die Geschichte der Studentin und späteren Lehrerin Susanne Lehnert, der Tochter von Anton und Maria - man darf vermuten, dass Lippet hier seine eigene Geschichte vor Augen hatte - und augenblicklich beginnt der melancholische Stil zu fesseln. Denn hier wird nicht detailreich re-konstruiert, sondern fließend erzählt.

Wenn Lippet im Roman dazu neigt, die untergegangene Welt möglichst komplett wiederzuerschaffen, so gelingt die Beschwörung in seinen Gedichten wesentlich überzeugender, weil sich dort die Vergangenheit in den Vokabeln eines verschwundenen Lexikons frei und assoziationsreich reflektieren kann. Schmerz und Glück werden in Lippets Versen beredt, und dass beides zutiefst mit den Erfahrungen aus Kindheit und Jugend in Rumänien verknüpft bleibt, belegt schon das Anfangsgedicht. Ich wünschte die Zeit zurück, als Unglück mich beflügelte,/ mich aufwiegelte...// Unmut kommt auf, der lähmt den Tag. Wenn das Ich, das einst rebellierte, zum Mut gezwungen war, so wird der "Unmut" der Gegenwart, der den Begriff des alltäglichen Sprachgebrauchs als Verdrossenheit oder Missmut bei weitem übersteigt (oder unterläuft), zum Anlass wahrer Verzweiflung.

Lippet ist beileibe kein Nostalgiker. Er weiß und sagt es sehr wohl, dass die Verzweiflung nicht nur der Gegenwart geschuldet ist. Auch in der rumänischen Vergangenheit wurde die Sprache zugerichtet. Der Verlust gehört zur europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, ist die Folge der brachialen Zuordnung von Identität und Sprache, der alles Nichtidentische, der nationalen oder ethnischen Definition nicht Ent-sprechende, zum Opfer fiel. Nicht umsonst wählt Lippet im vielleicht schönsten Gedicht des Bandes Auf der Pirsch die Metapher der Jagd, die ja nicht zufällig eine Lieblingsbeschäftigung der sozialistischen Diktatoren war, um von der Gewalt zu berichten, die der Sprache angetan wurde: "da gehen wir hin Worthülsen im Mündungsfeuer".

Wenn Lippet in seinem großen Gedichtzyklus das verschwundene Lexikon des Banater Alphabets noch einmal durchbuchstabiert, dann eben im schmerzlichen Bewusstsein, dass er auch er, der Dichter, sich "im eigenen Fadenkreuz" bewegt. Umso anrührender wird das Durch-die-Wörter-Gehen zur poetischen Archäologie des Verlorenen. Von A bis Z ruft Lippet mit den Worten die vergangene Welt herauf, etwa unter dem Buchstaben F wie "Fernsucht": aber weißt du noch wie du mir Fickmühle beibrachtest/ und wie man Karten filiert/ und du feurio riefst als es beim Nachbarn brannte. Das Banater Alphabet aus der Ebene bei Hegyeshalom an der ungarischen Grenze wird zum beeindruckenden Gesang, in dem die verlorenen Worte noch einmal und ohne Gewalt zur Sprache kommen.

Johann Lippet: Die Tür zur hinteren Küche. Roman. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2000, 280 S., 39,80 DM
Banater Alphabet. Gedichte. Edition Künstlerhaus im Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2001, 45 S., 26,- DM

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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