Rezension


 

Eine Rezension von Jan Koneffke

Erschienen in "FREITAG - die Ost-West-Wochenzeitung", Nr. 42 vom 12.10.2001

 

Farre Färse

ARCHÄOLOGIE DES VERLORENEN Die Beschwörung einer untergegangenen Welt in einem Roman und neuen Gedichten des rumäniendeutschen Autors Johann Lippet

Der rumäniendeutsche Autor Johann Lippet, der 1951 im österreichischen Wels geboren wurde und wenige Jahre später mit seinen Eltern nach Rumänien übersiedelte, erzählt in seinem Roman mit dem unspektakulären Titel: Die Tür zur hinteren Küche offenbar ein Stück autobiographischer Geschichte. Im Buch heißt die Familie Lehnert und nicht Lippet, aber die Überschneidungen mit der Lebensgeschichte des Autors sind unübersehbar.

Die Eheleute Anton und Maria Lehnert teilen das Schicksal anderer deutschstämmiger Familien, die der Krieg auseinandergerissen und versprengt hat, sei es, dass sie als Soldaten der Wehrmacht in Kriegsgefangenschaft geraten oder als Daheimgebliebene der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt zur Zwangsarbeit verschleppt werden. Diese Geschichte skizziert Lippet freilich nur. Wenige, protokollhafte Sätze widmet er den Motiven der Lehnerts, ins Heimatdorf zurückzukehren: "In Rumänien war ein Dekret über die Erleichterung der Repatriierung und die Amnestie der Repatriierten erschienen, das Gastgeberland (Österreich) drängte die Flüchtlinge nach dem Abzug der Besatzungstruppen, sich für eine Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Und sie hatten dem Drängen und den Wunschvorstellungen derer von zu Hause nachgegeben: ...Arbeit gebe es doch überall und schon wegen der vier Kinder sei es zu Hause sicherer."

Vermutlich wird die Vor-Geschichte der dramatischen Verluste der Kriegs- und Nachkriegszeit so kurz und bündig abgehandelt, weil sie sich nicht mit dem Erfahrungshorizont des Autors decken. Der interessiert sich für die Versagungen, kleinen Hoffnungen und den schleichenden Verfall im Rumänien von den 50ern bis in die 80er Jahre. Überhaupt ist er kein dramatischer, sondern ein äußerst diskreter Erzähler. So beginnt der Roman beinahe idyllisch in der Tradition der provinziellen rumänischen Dorfliteratur: "An einem Oktobermorgen 1956 holperte ein Pferdewagen über den Feldweg auf Wiseschdia zu."

Es ist auch kein soziologisches Interesse, das den Autor leitet. Obwohl sein Buch plastisch darüber Auskunft gibt, wie man in den deutschen Dörfern des Banat unter der Herrschaft der Kommunisten lebte, wie der Alltag der Arbeit und sozialen Verhältnisse aussah, erinnert die präzise Beschreibung der Realien immer wieder auch an eine Beschwärung der untergegangenen Welt. Hier erzählt jemand voller Trauer darüber, dass diese Welt nicht mehr existiert, und dass die Sehnsüchte und Wünsche derer, die sie bevölkerten, nie in Erfüllung gegangen sind.

Was dem Leser mitunter in seinem Realismus übertrieben scheint, weil er es so genau gar nicht wissen will ("Das Schulgebäude war L-förmig angelegt, bestand aus zwei Klassenzimmern, der Lehrerwohnung und dem Pionierzimmer"), findet seine erzählerische Legitimation im Angesicht des Verlustes, dessen Chronist Johann Lippet ist. Auf den letzten Seiten des Romans erfahren wir vom Zerfall des Dorfes, weil die Pressionen des Staates und seine Misswirtschaft die Menschen nach Deutschland oder sogar in den Selbstmord getrieben haben. "...das Ansiedlerhaus...war ein von Gras überwucherter Erdhaufen...das nächste Haus stand leer, der hintere Teil war eingestürzt...vom Haus des Thomas Ritter standen nur noch die Grundmauern...der Schulbus verkehrte nicht mehr. Treibstoffmangel."

Die genauen Beschreibungen erst machen es dem Leser möglich, die erlittenen Verluste zu erahnen. Gleichzeitig birgt solche Genauigkeit, die der Autor schon bei seinem Protokoll eines Abschieds und einer Einreise von 1990 bewies, einige erzählerische Risiken. Was nämlich im Protokoll gelang, die Registratur ebenso absurder wie entwürdigender bürokratischer Mechanismen, wirkt im Kontext einer Familien- und Dorfchronik auf die Dauer ermüdend. So baut Lippet im ersten Teil des Romans keinerlei Spannungsbogen auf, die Verwandtschaftsverhältnisse sind kompliziert und werden immer unübersichtlicher, die einzelnen Episoden, die von Kollisionen der Familienmitglieder untereinander oder mit den Verhältnissen berichten, bleiben zu kleinteilig und erzeugen bloß über eine oder zwei Seiten lang Leselust.

Im zweiten Teil des Buches konzentriert sich der Autor hingegen auf die Geschichte der Studentin und späteren Lehrerin Susanne Lehnert, der Tochter von Anton und Maria - man darf vermuten, dass Lippet hier seine eigene Geschichte vor Augen hatte - und augenblicklich beginnt der melancholische Stil zu fesseln. Denn hier wird nicht detailreich re-konstruiert, sondern fließend erzählt.

Wenn Lippet im Roman dazu neigt, die untergegangene Welt möglichst komplett wiederzuerschaffen, so gelingt die Beschwörung in seinen Gedichten wesentlich überzeugender, weil sich dort die Vergangenheit in den Vokabeln eines verschwundenen Lexikons frei und assoziationsreich reflektieren kann. Schmerz und Glück werden in Lippets Versen beredt, und dass beides zutiefst mit den Erfahrungen aus Kindheit und Jugend in Rumänien verknüpft bleibt, belegt schon das Anfangsgedicht. Ich wünschte die Zeit zurück, als Unglück mich beflügelte,/ mich aufwiegelte...// Unmut kommt auf, der lähmt den Tag. Wenn das Ich, das einst rebellierte, zum Mut gezwungen war, so wird der "Unmut" der Gegenwart, der den Begriff des alltäglichen Sprachgebrauchs als Verdrossenheit oder Missmut bei weitem übersteigt (oder unterläuft), zum Anlass wahrer Verzweiflung.

Lippet ist beileibe kein Nostalgiker. Er weiß und sagt es sehr wohl, dass die Verzweiflung nicht nur der Gegenwart geschuldet ist. Auch in der rumänischen Vergangenheit wurde die Sprache zugerichtet. Der Verlust gehört zur europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, ist die Folge der brachialen Zuordnung von Identität und Sprache, der alles Nichtidentische, der nationalen oder ethnischen Definition nicht Ent-sprechende, zum Opfer fiel. Nicht umsonst wählt Lippet im vielleicht schönsten Gedicht des Bandes Auf der Pirsch die Metapher der Jagd, die ja nicht zufällig eine Lieblingsbeschäftigung der sozialistischen Diktatoren war, um von der Gewalt zu berichten, die der Sprache angetan wurde: "da gehen wir hin Worthülsen im Mündungsfeuer".

Wenn Lippet in seinem großen Gedichtzyklus das verschwundene Lexikon des Banater Alphabets noch einmal durchbuchstabiert, dann eben im schmerzlichen Bewusstsein, dass er auch er, der Dichter, sich "im eigenen Fadenkreuz" bewegt. Umso anrührender wird das Durch-die-Wörter-Gehen zur poetischen Archäologie des Verlorenen. Von A bis Z ruft Lippet mit den Worten die vergangene Welt herauf, etwa unter dem Buchstaben F wie "Fernsucht": aber weißt du noch wie du mir Fickmühle beibrachtest/ und wie man Karten filiert/ und du feurio riefst als es beim Nachbarn brannte. Das Banater Alphabet aus der Ebene bei Hegyeshalom an der ungarischen Grenze wird zum beeindruckenden Gesang, in dem die verlorenen Worte noch einmal und ohne Gewalt zur Sprache kommen.

Johann Lippet: Die Tür zur hinteren Küche. Roman. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2000, 280 S., 39,80 DM
Banater Alphabet. Gedichte. Edition Künstlerhaus im Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2001, 45 S., 26,- DM

 


 

Eine Rezension von Michael Braun

Erschienen in der Basler Zeitung am 08.02.2002

�Gebrochenes Deutsch� (3): Halt! Paradiesischer Sektor! 

Wenn sich Gedichte den Anmassungen des Realit�tsprinzips nicht beugen wollen, arbeiten sie systematisch an der Aufhebung der Schwerkraft. In der scheinbar vertrauten Alltagswelt, von der sie berichten, l�sen sich die Dinge aus ihren Verankerungen und die orientierungslosen Helden, die auf dem unsicher gewordenen Terrain ihr Ich stabilisieren wollen und nach Daseinsbeweisen suchen, verlieren jede Bodenhaftung. Die lange unterdr�ckten M�chte aus den Sph�ren des Traums melden ihre Anspr�che an und ersch�ttern die Hegemonie des Verstandes.
In diesem Kraftfeld der Tr�ume, in dem es keinen festen Halt mehr gibt und alles in einen Schwebezustand versetzt wird, bewegen sich auch die Gedichte von Jan Koneffke. Bereits der Titel seines Deb�tbands �Gelbes Dienstrad wie es hoch durch die Luft schoss� (1989) deutete die Bewegungsrichtung seiner lyrischen Phantasie an: Seine Helden waren und sind Himmelsspazierg�nger, die mitsamt den Requisiten einer versunkenen Welt der Fr�hmoderne in die L�fte entschweben, um dort nach allerlei Turbulenzen im Mond einen verl�sslichen Verb�ndeten zu finden. In Koneffkes neuem Band �Was rauchte ich Schwaden zum Mond� ist der Erdtrabant erneut die zentrale poetische Relaisstation, in der sich irdische und himmlische Energien kreuzen und �berlagern.
Nach m�hseligen Expeditionen durchs Dickicht der n�chtlichen Grossstadt und dem finalen Abgang �ber Himmelsleitern erreichen Koneffkes Reisende ihr Ziel: �Halt! Paradiesischer Sektor!� Zuvor aber heben sich �berall �Kanaldeckel�, reissen sich �Notmelder� von �B�rgersteigen�, schweben �Nachtwandler um Hausmauern�, huschen Gespenster �aus dem Stadtparkgeb�sch� - die Nachtmahre aus der Grossstadt-Finsternis �berfallen die Gedicht-Helden mit immer neuen Kapriolen.
Wenn im Er�ffnungsgedicht des Bandes allen Tr�umern ein munteres �Wach auf� entgegengeschleudert wird, dann bleibt als einzige Fluchtm�glichkeit doch nur die Himmelsleiter, auf der sich die Welt-Brandstifter mitsamt den Feuerwehrleuten absetzen k�nnen. Koneffke verharrt aber nie bei m�rchenhaft anmutenden Erweckungserlebnissen einer traumnahen Kinderzeit, sondern belauscht stets auch die D�monen einer gewaltt�tigen Geschichte, die sich in die Realien unserer Alltagswelt eingenistet haben. In einem Berlin-Gedicht verbirgt sich hinter der Wand einer heruntergekommenen Wohnung ein unsichtbarer Mitbewohner, eine grausige Inkarnation deutscher Barbarei.
In seine Himmelsspazierg�nge hat Koneffke auch eine Reminiszenz an den rum�niendeutschen Lyriker Rolf Bossert aufgenommen, der sich nach seiner �bersiedlung in die Bundesrepublik im Februar 1986 das Leben nahm. Nach dem Tod Bosserts wird das, was man einmal �rum�niendeutsche Lyrik� genannt hat, durch die Dichter Johann Lippet und Klaus Hensel repr�sentiert, die in diesen Tagen neue Gedichtb�nde vorgelegt haben.
Klaus Hensel hat sich dabei vor allem auf Liebesgedichte konzentriert und ein Kompendium mit �Erotica Romana� zusammengestellt. Diese hoch erotischen Texte lassen sich bei ihren Lektionen �ber die sch�nen Rasereien des Sex doch sehr von den Euphorien der Liebesakteure mitreissen. Nur selten schmuggelt Hensel in seine Liebesgedichte den f�r ihn typischen Lakonismus ein, der die erotischen Erhitzungen mit k�hlen Desillusionierungen konterkariert: �Gl�ck, das ist Propaganda / der Gene.� - Johann Lippet hat sich vom legend�ren �alphabet� seiner d�nischen Kollegin Inger Christensen inspirieren lassen. Dass beim Vagabundieren in W�rterb�chern enorme poetische Sprachenergien freigesetzt werden k�nnen, demonstriert nun sein �Banater Alphabet�. Der zentrale Schauplatz dieser poetischen Sehnsuchtsreise ist das ungarische Grenzst�dtchen Hegyeshalom, ein Ort, der einst nicht nur die Lebenswelten von West- und Ost-Europa, sondern auch die Biografie des Dichters Johann Lippet zertrennte. 1951 im �sterreichischen Wels geboren, kam Lippet als Kind ins Banat, wo er nach Schule und Studium als Dramaturg arbeitete, bis er 1987 unter dem Repressionsdruck des Ceausescu-Regimes in die Bundesrepublik �bersiedelte.
Sein �Banater Alphabet� entwickelt eine Arch�ologie des Heimatgef�hls. In epischen Langzeilen durchschreitet der Wanderer nicht nur die Landschaft bei Hegyeshalom, also die Herkunftswelt seiner Vorfahren, sondern auch die Landschaft der W�rter, wobei es durch die von ihm zitierten Funde in alten W�rterb�chern zu gewaltigen Reibungen, Aufladungen und Erhitzungen des Sprachmaterials kommt. Es ist die Stimme der Grossmutter, die das Ich zu seiner Erinnerungsreise in die verlorene Kindheit anstiftet - und es ist das W�rterbuch, durch das der Dichter die vergessenen Realien der Herkunftswelt wieder findet. So entdeckt der �Remigrant mit dem Finger auf der Landkarte� die Naturzeichen und W�rter einer agrarisch gepr�gten Kultur, wie das �Schmachkorn�, die �Windgalle� oder auch die �T�cksn�gel� unter den Schuhsohlen. Am Ende seines �Banater Alphabets� hat der Wanderer durch �die Ebene �stlich von Hegyeshalom� sein Sprach-Ziel erreicht - und wir werden reich beschenkt mit archaisch-bizarren und r�tselhaft leuchtenden W�rtern.
 Michael Braun
Jan Koneffke: �Was rauchte ich Schwaden zum Mond�. Gedichte. DuMont Verlag. 90 S., Fr. 34-
Klaus Hensel: �Humboldtstrasse, R�misches Rot�. Liebesgedichte. Sch�ffling & Co.. 88 S., Fr.  30.-.
Johann Lippet: �Banater Alphabet�. Verlag Das Wunderhorn. 48 S., Fr. 24.-.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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