Rezension Tuchfühlung


 Siebenbürgische Zeitung, 30. September 2012

Magische Zeitreise durch das Banat
Der Prosaautor und Lyriker Johann Lippet (Jahrgang 1951) hat seit seiner Ausreise 1987 aus Rumänien mit einer Reihe von Romanen, Erzählungen und Gedichtbänden wie auch einer „Chronologie einer Bespitzelung durch die Securitate“ der schriftstellerischen und poetischen Aufarbeitung seiner späten Kindheits- und Jugendjahre gewidmet. Nach der Rückkehr seiner Eltern aus Österreich in den rumänischen, überwiegend deutschsprachigen Banat im Jahre 1956 erlebte er im dörflichen Milieu eine Kindheit, in der die Begegnung mit idyllischen Naturräumen von der unbarmherzigen Konfrontation mit Schule und sprachlicher Entfremdung begleitet war. Seine „Dorfchronik“, ein Roman, der 2010 ebenfalls im Pop-Verlag publiziert wurde, setzte sich mit diesen Erfahrungen auseinander.

Das hier vorliegende Gedichtbuch mit dem bizarr anmutenden Titel besteht aus zwei Teilen. Das I. Buch bedient sich dreier unterschiedlicher Darstellungsverfahren, die in den Abschnitten Derweil / Hyperlinks / Hinfort ausgeführt werden. Das II. Buch, das unter der Überschrift fort/schreiben sich mit der Anrufung der Kindheit beschäftigt, irritiert den Leser bei der ersten Begegnung mit dem Text in zweifacher Hinsicht. Es ist der, abweichend von der normalen Leserichtung um 90 Grad gedrehte Text und der Textfluss, in dem beschreibende Elemente häufig in eine innere Rede übergehen, wobei das einleitende Adverb ‚derweil’ eine Gleichzeitigkeit des Reflexionsstroms signalisiert. Das schreibende Ich ist hier gleichsam mit dem entstehenden Text verbunden, geht in dem Gedankenstrom unter, so als ob von Anfang an es sich dem Schwall der Sätze unterwirft: „will einfach denken und sagen der nebel löst sich auf die / sonne kommt hervor es regnet und mich drüber freuen.“ (S. 11)

Die Verwendung der grammatischen Zeit erweist sich in den drei Teilen des I. Buchs als Schlüssel zur Erfassung der poetischen Visionen, die in alltägliche Beobachtungen eingebettet sind. ‚Derweil’-Reflexionen laufen in der Gegenwart ab, während die ‚Hyperlinks’ ständig zwischen den laufenden Überlegungen im Präsens und dem Innehalten in der Vergangenheit schwanken. Dieses Pendeln erzeugt eine ständige Unruhe in den Handlungssträngen, die mal folgerichtig, mal von alogischen Träumen erfüllt sind. Besonders markant ist eine abschließende Passage (S. 48f.), in der inszenierte Verleumdungen und staatsfeindliche Äußerungen zum Gegenstand körperlichen und seelischen Leides werden. Der Teil ‚Hinfort’ arbeitet die traumatischen Erlebnisse der Ausreise aus dem Banat auf. Hier tritt ein Erzähler auf, der noch einmal in die dörfliche Erlebniswelt abtaucht, wo er träumend und wachend die Gestalt von Haus- und Nutztieren wahrnimmt.

Erst im II. Buch, als es um die „Anrufung der Kindheit“ geht, entfaltet sich ein lyrisches Ich. Es wendet sich an ein Du, von dem der Erzähler hofft, es könne ihn unterstützen bei seiner Erinnerungsreise durch die Kindheit. Dort ist die Rede von der verlogenen patriotischen Erziehung in der rumänischen Grundschule. Magische Klangkraft besitzt für Lippet auch die dörfliche Rede, das Geschwätz der alten Weiber, das Geschnatter der Gänse, das Gezwitscher der Vögel – und je länger der Leser sich diesem Lautschwall hingibt, desto mehr zeichnen sich Konturen am dörflichen Himmel ab: „Diesen Himmel, luftige Daunen schwebend im unendlichen Blau, / Selbst die staubgepuderte Saumelk am Wegesrand, über Nacht taufrisch“ (S. 129). Manchmal mutet dieser Rede- und Lautfluss wie ein Spaziergang durch spätromantisch beschworene Landschaften an, manchmal bricht die Rede ab, stottert, signalisiert die Störungen in der Wahrnehmung aus der Perspektive des späten 20. Jahrhunderts. Dann wieder ist ein gleichsam nostalgisches Abgleiten in unbewusste Tiefe zu beobachten, in denen die Sprachschichtungen aus dem späten Mittelalter aufbewahrt, plötzlich an die Oberfläche einer Gegenwart schießen, in der diese dörfliche Welt im Banat verschwunden ist. Und deshalb beschwört der Autor die Erinnerung an absinkende sprachliche Welten. Auf mehr als fünf Seiten (vgl. S. 122-129) ist eine Liste mit Begriffen abgedruckt, auf der ein ganzes Arsenal von Regionalismen zum lauten Mitlesen animiert und Dialektforscher neugierig machen sollte.

Im ‚Nachtrag’ scheint diese verloren gegangene Welt der Kindheit noch einmal auf: „Im Kopf geht wieder das Rad, Mühlenrad, angetrieben vom Strom / der Erinnerung, perpetuum mobile, fördert zutage speist den Fluß / in den wir, du und ich, hineingerissen …“ (S. 158). Doch je energischer dieses sich erinnernde Ich in den Strom hinabgleitet, desto aussichtsloser ist es, auf den Grund zu gelangen. Was dort auf der Scholle geblieben ist, bleibt hinter dem Vorhang zurück: „den Vorhang ein für allemal zu … endgültig Schluß“. So endet dieses Poem, in dem eine untergegangene Kindheit auf ungewöhnliche Weise erfasst wird. Elementare Lust am Kreatürlichen mischt sich mit ideologischen Krebsgeschwüren und hinterlässt einen gallenbitteren Nachgeschmack.

Johann Lippet, ein renommiertes Mitglied der „Aktionsgruppe Banat“, hat mit dem hier vorliegenden ungewöhnlich eindrucksstarken Gedichtband ein bedeutsames literarisches Dokument geschaffen, das die deutsche Literatursprache und die Dialektforschung in mehrerer Hinsicht bereichert. Aufgrund der Überlagerung unterschiedlicher Sprachschichten bringt es unerwartete Rhythmen hervor, die auch den wortsemantischen Feldern zahlreiche Impulse liefern; die ausgegrabenen Archaismen beleben in der Konfrontation mit der gegenwärtigen deutschen Verkehrssprache auch die Rezeption des Poems. Es ist ein Werk, das erst in der lautstarken Rezitation seine Klangkraft gewinnt und nicht, wie der Titel assoziiert, erst im Papierkorb seine Tuchfühlung mit dem Leser aufnimmt!

Wolfgang Schlott

Johann Lippet. Tuchfühlung im Papierkorb. Ein Gedichtband. Ludwigsburg (Pop-Verlag) 2012, 167 Seiten, 17,20 Euro, ISBN 978-3-86356-034-8

 

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