migrantleseprobe


Johann Lippet

 

                                         Migrant auf Lebzeiten                                                     

 

Der Dichter, sagt Valéry, „stellt her, wonach ihn verlangte. Er stellt Pseudomechanismen aus sich heraus, die imstande sind, ihm die Energie, die sie ihn gekostet haben, zurückzugeben oder sogar mehr.“ Warum sollte dieser oder jener Mann aus einem anderen Grund ein Kunstwerk beginnen, als zu erwarten, daß es, gelingend, seine Lebenskräfte stärkt. Diese Theorie ist ein bißchen römischer und daseinfroher als jene vom Mangel, von der Sublimation, vom subjektiven Leid oder vom gesellschaftlichen Auftrag.                                                                                             

( Botho Strauß, Paare Passanten)

1

Das Fenster konnte offen bleiben, denn mit Regen war nicht zu rechnen. Johann Linz stand an der Tür seines Zimmers und lauschte. Was sollte das schon wieder? Er war doch der einzige Gast in der Vier-Zimmer-Pension und mit anderen Gästen war erst morgen zu rechnen. Er trat auf den Flur und hantierte beim Abschließen umständlich mit den Schlüsseln. Wann lernst du endlich, dich normal zu verhalten? Diese Zurechtweisung hätte von Agnes stammen können. Es war ärgerlich, daß ihm seine Frau ausgerechnet in dem Zusammenhang einfiel.

Guten Morgen! Frau Klein kam mit Eimer und Schrubber die Treppen hoch. Er täuschte Eile vor und schob sich an der Pensionswirtin vorbei, um nicht wieder in ein Gespräch verwickelt zu werden. Man hätte nicht behaupten können, daß sie aufdringlich war, aber der nicht alltägliche Gast hatte ihre Neugierde geweckt: für unbestimmte Zeit gebucht, gebeten sein Zimmer nur auf Wunsch aufzuräumen und darauf hingewiesen, daß er wichtige Post erwartet.

­Die Post! Das war das Stichwort für die Geschichte, die sie ihm ges­tern erzählte. Nichts habe mehr funktioniert, die Niederlage und das Ende des Krieges seien augenscheinlich gewesen, da habe ihr Sohn noch im April 1945 einen Einberufungsbefehl erhalten, Züge aber seien keine mehr verkehrt und so sei der Wilhelm, Gott sei Dank, zu Hause geblieben und in den Volkssturm eingereiht worden.

Als Lyzeaner gierte er nach solchen Geschichten und war ein geduldiger Zuhörer. In seinem Heimatdorf gab es Leute, die Vertrauen zu ihm gefaßt hatten und ihm mit leiser und eindringlicher Stimme von der Kriegs- und Nachkriegszeit erzählten, von Vorkommnissen, über die in den Schulbüchern nichts stand. Schon als Kind, erzählte ihm später seine Mutter, sei er mit Sicherheit dort anzutreffen gewesen, wo Leute beisammen standen. Und deshalb habe er alle Neuigkeiten aus dem Dorf gewußt.

Er ging auf der lang gezogenen, schmalen Straße, die praktisch keinen Gehsteig hatte und in den neu gestalteten Ortskern mündete. Von dort war es nicht mehr weit bis zur Post. Seine Pension lag am Rande von Edenkoben, und hier begann das Edenkobener Tal, das Ziel der Reisebusse. In der engen Straße durch die Ortschaft war bei Gegenverkehr die Geschicklichkeit der Fahrer gefragt, denn vor den Häusern parkten PKW, landwirtschaftlichen Maschinen waren abgestellt. Unfälle aber schien es so gut wie keine zu geben, davon hätte Frau Klein ihm bestimmt berichtet.

Er war nun seit einer Woche hier, von zu Hause getürmt, und hatte das Zimmer nur verlassen, um einmal am Tag etwas zu essen: Pizza an der ersten Ecke, ein Gericht im chinesischen fast food Lokal am alten Marktplatz, Brat­wurst an einem Imbiß am Bahnhof, der eine halbe Stunde Fußweg von seiner Pension entfernt lag. Im mitgebrachten Emailletöpfchen kochte er sich Kaffee auf dem Zimmer. Heu­te morgen war der Tauchsieder kaputt. Vielleicht hatte es auch nur die Sicherung herausgeschlagen. Aber das Licht brannte doch!

Dieses strikte Tagesprogramm sollte der Schreibdisziplinierung dienen. Bisher war nichts Nennenswertes herausgekommen, trotzdem hielt er sich stoisch daran. Die Geschichten, die ihm durch den Kopf schwirrten, erzählten sich in Gedanken so leicht, nahmen sich aber nach der Niederschrift eher kläglich aus. So verbrachte er den Großteil seiner Zeit damit, in Gedanken Handlungsabläufe mit einander zu verknüpfen, in der Hoffnung, daß jenes Glücksgefühl, das dabei aufkam, und das er bis dahin nicht gekannt hatte, immer häufiger einsetzen würde.

Bisher hatte er die Gegend auf dem Faltplan der Verbandsgemeinde Edenkoben erkundet, der auf seinem Zimmer lag. Auf den Rückwegen vom Essen war er durch die Weinrebenpflanzungen auf befestigten Wegen gegangen und hatte nun eine Ahnung, wie Plantagen aussahen. Weinreben soweit das Auge reicht, gegen Osten bis hin zur Oberrheinischen Tiefebene, gegen Westen bis zum Naturschutzgebiet Pfälzer Wald, über dieses Gebiet donnerten die Jagdflieger zu Übungszwecken im Tiefflug. Aus seiner angestammten Gegend, der Banater Ebene, kannte er die Weingärten, eingebettet zwischen Klee-, Weizen-, Sonnenblumen- und Maisfelder, durch die er als Kind auf Feldwegen gestreift war.­­

Von seinem Fenster aus sah er nachts die Umrisse des beleuchteten Hambacher Schlosses. Erst seit gestern konnte er sich die Präsenz eines Standbildes Ludwig I von Bayern auf dem alten Marktplatz erklären. Der stets schlecht gelaunte Wirt am Bahnhofimbiß debattierte mit einem älteren Herrn über die Willkür politischer Entscheidungen, und sie bedauerten schließlich die Loslösung der Pfalz von Bayern, waren sich darin einig, daß der König ein volksnaher Herrscher  gewesen, dessen Popularität bis heute unübertroffen blieb.

Ähnliche Zuordnungsschwierigkeiten hatte er mit der Brunnenfigur im neugestalteten Ortskern, die er auf Anhieb als Lederstrumpf identifizierte. Eine reiche Gemeinde könne sich so etwas leisten, dachte er, bis er auf der Tafel am Brunnenrand las, daß ein nach Amerika ausgewanderten Bürger aus Edenkoben J. F .Cooper als literarisches Vorbild gedient hatte. Der Gestalt in Bronze mit Jagdbeute und dem Gewehr, aus dem Wasser floß, leistete der Maler Max Slevogt Gesellschaft, ebenfalls in Bronze.

Nicht nur Edenkoben, sondern die ganze Region lebte von Weinbau und Tourismus, hatte ihm Frau Klein erklärt. Ihm Unterschied zu ihrer Tochter Gertrud, mit der er Höflichkeiten austauschte, versuchte Frau Klein immer wieder, ihn in Gespräche zu verwickeln. Ihre Absicht war doch augenscheinlich, sonst hätte sie ihm doch nicht in Häppchen die Familiengeschichte erzählt: Ihr Mann vor zehn Jahren verstorben, sie die Eigentümerin, ihre Tochter aber führte die Geschäfte und ar­beitete bei der Stadtverwaltung Neustadt, der Sohn war nach dem Krieg nach Amerika ausgewandert, ihr Schwiegersohn vor vier Jahren tödlich verunglückt, die Weinberge hatten sie in Pacht gegeben.

­Auf Schritt und Tritt diese Hinweisschilder: Weingut, Gästezimmer. Er war mehr oder weniger zufällig hier gelandet. Ein Schriftstellerfreund, der die Region seit seiner Jugend kannte und den es immer wieder hier her zog, obwohl er sie jetzt grauenvoll fand, empfahl sie dennoch jedem als idealen Zufluchtsort. Die Handlung einer seiner Romane spielte in Edenkoben und Umgebung, und er hatte sich wegen seiner kritischen Haltung den Unwillen der Bewohner zugezogen. Als sie sich darüber unterhielten, ob ein Roman den Ort seiner Handlung nennen und genau beschreiben sollte, vertraute er ihm an, daß man anhand seines Romans die Region er­wandern konnte. Der Roman als Reiseführer? Die unwillige Handbewegung des Freundes war ihm gegenwärtig.

Schriftstellerfreund! Unzeitgemäß. Nicht stromlinienförmig. Letzteres erinnerte ihn an das einst lebensbedrohliche: Nicht linientreu. ­Es ärgerte ihn jedes Mal, wenn er der schon fast krankhaften Neigung zu dergleichen Assoziationen wieder mal erlag. In solchen Fällen half nur, den Hebel einfach umlegen.

Heute also war der 1. August 1997, ein Freitag, der erwartete Brief nicht eingetroffen. Frau Klein hätte sich die Gelegenheit, ihn persönlich zu überreichen, nicht entgehen lassen. Frühestens Dienstag konnte er damit rechnen, denn solche Briefe trafen nie samstags ein und wurden zu Wochenbeginn abgeschickt. Hoffentlich hatte es mit dem Nachsendeantrag geklappt, den er gleich am Tag seiner Ankunft bei der Post abgegeben hatte.

Als seine Frau ihm nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes mitgeteilt hatte, sie habe  ein Girokonto auf ihren Namen eröffnet, über das Geld auf dem alten könne er verfügen, war er wie vor den Kopf geschlagen. Und sie hatte hämisch hinzugefügt, daß er nun endlich ausschließlich der Schriftstellerei nachgehen, sich irgendwohin zurückziehen könnte, wohin, wolle sie nicht wissen. Es wunderte ihn bis heute, wie ruhig und gelassen er alles hingenommen hatte. ­­­Vor Jahren wäre das noch undenkbar gewesen. Er hätte sich zu wehren versucht, ihr vorgeworfen, daß sie von seiner schriftstellerischen Arbeit nichts verstünde, daß Geld nicht die Hauptsache im Leben sei und vielleicht die Frage gestellt: Und was wird von dir bleiben? Statt dessen hatte er die Reisetasche gepackt und sich aus dem Staub gemacht, nachdem sie die Wohnung verlassen hatte. Lächerlich!

Die Schuld für seine beruflichen und literarischen Mißerfolge den Umständen und ande­ren in die Schuhe zu schieben, war er leid. Wenn sich schon ein Beispiel nehmen, dann an den Schriftstellern, die nicht ständig wehklagten. Er glaubte, erkannt zu haben, daß innere Ruhe eine Voraussetzung war, um über Schmerzhaftes schreiben zu können. ­­­­­Aber mal ehrlich! Was er in dieser Woche geschrieben hatte, war bloß vager Ansatz.

Eine Woche würde er noch in der Pension bleiben, bis dahin mußte der Einstieg in den Roman gelingen, dann war die größte Hürde genommen. Unabhängig davon aber würde er nach dieser Woche als Erntehelfer arbeiten, um nicht weiterhin vom Konto zu zehren. Bald begann die Obst-, dann die Traubenernte. Von Gehöft zu Gehöft ziehen bis in den Spätherbst. Schwarzarbeiter! Er hätte es bestimmt leichter als illegal arbeitende Ausländer. Und wenn Dienstag die Zusage eintreffen sollte? Ja, dann...

Er hatte ­vor zwei Monaten, als er ahnte, daß seine Arbeitsstelle in der Bücherei wegrationalisiert werden würde, ein Stipendium beantragt für ein Buch, dessen Handlung in Rumänien, seinem Herkunftsland, spielen sollte. Für andere Schriftsteller waren Anträge auf Arbeitsstipendien etwas Alltägliches, er aber tat sich damit schwer. Er war nicht glücklich darüber, daß er seine Reise nach Rumänien von der Gewährung des Stipendiums abhängig gemacht hatte. Vor zehn Jahren hatte er das Land verlassen, war bisher noch nicht zu Besuch gewesen, obwohl es ab 1990 problemlos möglich war. Und da machte er seine Entscheidung von anderen abhängig, überließ sie einem Gremium, das damit doch gar nichts zu tun hatte. Eigentlich hätte er mit dem gegenwärtigen Betrag auf dem Konto mehre­re Monate dort bleiben, bei Freunden wohnen können. Warum eigentlich nicht? Er würde für Logis und Kost bezahlen, bei dem Wechselkurs kein Prob­lem. Aber lieber dennoch erst mal bis Dienstag abwarten. Wenn es klappen sollte, wäre es wunderbar! Wenn? Das Leben nicht nach Wenn- Sätzen einrichten, das waren doch nur Ausreden. Planen! Sein Leben planen? Ein schauderhafter Gedanke.

Ein Bus kam ihm entgegen, das Tuckern eines Traktors war zu hören, er flüchtete in eine Toreinfahrt. Aus dem vorbeifahrenden Bus winkte ihm eine ältere Dame, er winkte zu­rück. Gesten der Freundlichkeit. Der Traktor mit Anhänger, von einer Frau gelenkt, überholte ihn. Würde sie zurückwinken? Weingut, Weinprobe, Sektkellerei, Gästezimmer, überall Schilder. Die lange, lange Straße lang.

Ob Herbert wohl den Band mit dem Gesamtwerk Borcherts bei seiner Ausreise 1991 mitgebracht hatte? Es war ein Abschiedsgeschenk. Herbert hatte sich telefonisch aus Reutlingen gemeldet. Die Freude war echt, bei dieser Kontaktaufnahme war es aber geblieben. Weißt du noch? Erinnerst du dich noch? Im nachhinein war ihm, als hätten sie wie zwei Kriegsveteranen miteinander gesprochen: diese Leichtigkeit beim Erzählen über die einstigen täglichen Bedrohungen und Schikanen. Diese sonderbare Freude des Wiedersehens, auch mit Leuten, denen man zu Hause nicht so nahe stand, währte nicht über den Tag hinaus. Wie weggeblasen.­­

Er war an der Kreuzung angelangt. Vom neu gestalteten Ortskern ­führten Straßen in die vier Him­melsrichtungen. Als er am ersten Tag Frau Klein sagte, er wolle sich im Dorf umsehen, entgegnete sie ihm, daß Edenkoben nie ein Dorf gewesen, sondern schon immer Stadt.

Aus der Klosterstraße heraus, über die Kreuzung, nach dem Marktplatz ging es bergab. Eine Gruppe Jugendlicher kam ihm entgegen, ein schwarzhaariges Mädchen versuchte, auf ihrem Rad den Hang hinaufzufahren. Ein letztes Ausbalancieren, dann sprang sie neben ihm ab. Er blieb ruckartig stehen, sie blies eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht, die Augen waren hellblau. Er schau­te ihr nach, und als sie den Kopf wendete, fühlte er sich ertappt wie ein kleiner Junge.

Diese Geste, die Augen, ganz Dorothea. Ja, seit fünfundzwanzig Jahren, seit seinem vorletzten Studienjahr hatte er sie nicht mehr gesehen. Sie lebte irgendwo in Deutschland, war damals durchgebrannt, über die Grenze gegangen. Und das Gefühl, daß es mehr als nur Zuneigung war, trug er nach ihrer Flucht noch lange mit sich he­rum.

Die Nachricht hatte sich an der Uni rasch verbreitet. Eine Freundin ihres Jahrgangs vertraute ihm eines Tages an, daß Dorothea ihr durch eine Mittelsperson einen Brief habe zukommen lassen und Grüße ausrichte. Der Besucher aus Deutschland habe sich be­reit erklärt, einen Brief an Dorothea mitzunehmen, er könnte ihr doch ein paar nette Zeilen schreiben, sie würde es ihrem Brief beilegen.

Bis heute konnte er sich nicht erklären, was ihn veranlaßt hatte, ihr zu schreiben. Er wußte nur noch, daß er ihr schrieb, welches Thema er sich für seine anstehenden Diplomarbeit gewählt hatte, und daß sie nun nach ihrer Flucht mit dem Alleinsein und der Sehn­sucht zurechtkommen müsse in einem ihr fremden Land. Nach Wochen übergab ihm die­selbe Freundin ein Päckchen von Dorothea, wieder über einen Besucher aus Deutschland ins Land gebracht. Es ent­hielt Sekundärliteratur, aber keinen Brief. Dorothea teile ihm mit, daß er ihr doch gescheitere Briefe schreiben könnte, ließ ihn die Freundin wissen und gab ihm die Anschrift. Mit fiktivem Absender oder keinem, hatte sie konspirativ geflüstert. Er schrieb ihr nicht. Und von da an trug er noch lange diese Liebessehnsucht mit sich herum.

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