Leseprobe - so wars im mai so ist es


 

Leben kommt zum Stillstand, es passiert nichts mehr, bloß die Zeit vergeht schneller.

Das ist doch viel zu schwülstig. Löschen!

Am Telefon hast du gefragt, wie es mir gehe, dabei weißt Du ja, daß dies die schwierigste aller Fragen ist. Bis zur Rente hast du ja auch nicht mehr lange, bei mir hat sich ein Abgrund aufgetan, und das hat nichts mit der Zukunft zu tun, sondern eben mit der Vergangenheit. Das schon gar nicht. Weg damit!

Sich dem Peter Berger anvertrauen! Das hätte der doch nie gemacht. Ich muß versuchen, sachlich zu bleiben! Wie aber soll das gehen? Ich hätte ihm nichts versprechen sollen.

Meldet sich nach all den Jahren und will Auskunft. Ich soll für ihn die Erinnerungsarbeit machen, die Drecksarbeit. Jedes noch so kleine Detail zählt! Dabei weiß er doch bereits alles.

Das Blinken des Cursors auf der leeren Seite. Als wäre er nervös.

 

Daran erinnert zu werden, wie er sich als Verantwortlicher für die Schülerseite der Zeitung aufgeführt hat, würde dem Herrn Berger bestimmt nicht passen: In der großen Pause in die Klassen gegangen und an die Tafel geschrieben, wer sein Material noch nicht bei ihm abgeliefert hat.

Berichte, Nachrichten aus dem Schulalltag, was die von der Zeitung schon so gewollt haben, in den politischen Kram gepaßt hat. Eine lästige Pflicht für diejenigen, die diese Artikel verfassen mußten, denn ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand über die Tätigkeit des Kommunistischen Jugendverbandes gerne geschrieben hat. Was hätte es denn Aufregendes darüber zu berichten gegeben?

Andererseits aber war man auch stolz, hat man seinen Namen in der Zeitung stehen sehen. Du bist ja in der Zeitung, hat man zu Hause im Dorf zu hören gekriegt und sich gewundert, daß die Leute so etwas überhaupt lesen, eine Schülerseite.

Männliche Leser interessierte doch fast ausschließlich der Sportteil, und weil hier im Unterschied zur rumänischen und ungarischen Lokalzeitung die Ergebnisse der deutschen Bundesliga veröffentlicht wurden, war die Dienstagausgabe der Zeitung, montags erschien keine, im Freiverkauf bei allen Sportfans begehrt. Ohne Unterschied der Nationalität! In diesem Fall traf die offizielle Sprachregelung der Parteidokumente voll zu. 

Sonntags erschien die „Pipatsch“, die war auf dem Lande der Renner. Über die Beilage in Mundart wurde noch tagelang diskutiert, Witze daraus nacherzählt. In der „Pipatsch“ stand, hieß es, war von den gereimten Beiträge die Rede, in denen, anekdotisch verkleidet, Aspekte des Alltags kritisiert wurden.   

Ob die jeweiligen Deutschlehrer die Berichte und Nachrichten für die Schülerseite vorab korrigiert haben? Schon möglich. Peter jedenfalls hat alles in die Redaktion der Zeitung gebracht, das weiß ich genau. Und daß es nicht nur wegen der Abgabetermine Probleme gegeben hat, sondern auch, weil oft zu wenig Material da war, um die Seite zu füllen.

Für Gedichte hat es keine Abgabetermine gegeben, die hat man Peter bei einer passenden Gelegenheit zugesteckt. Kein Wort, wenn man ihm das in der Mitte gefaltete Blatt übergeben hat, das im vorderen Fach seiner Schultasche verschwunden ist.

Die Berichte und Nachrichten wurden auf ein liniertes Doppelblatt geschrieben, das man aus der Mitte eines der Schulhefte herausgerissen hat, Gedichte hingegen auf ein DIN A4 Blatt, wir haben Ministerblatt gesagt.

Und bestimmt habe nicht nur ich bei der Abschrift einige vergeudet, weil die Zeilen immer wieder schief geraten sind wegen des ungewohnten Papiers, vor allem aber wegen der Aufregung. Jemandem seine Gedanken und Gefühle anzuvertrauen, hat Überwindung gekostet, über die Qualität dieser juvenil literarischen Ergüsse hat man sich keine Gedanken gemacht.

Peter Berger, der Geheimnisträger, Kenner der intimsten Gedanken seiner Mitschüler saß vielleicht jahrelang auf einem Haufen Gedichte, die er in der Redaktion der Zeitung gar nicht abgegeben hatte.

Ob ein Gedicht erscheinen wird und wann, hätte niemand zu fragen gewagt. Er hätte sich sowieso immer rausreden können: Der Redakteur von der Zeitung entscheidet. Und wer hätte schon die Courage gehabt, zur Zeitung zu gehen, nachzufragen oder gar sein Gedicht zurückzufordern? Nur Lolo hat es gewagt, Peter zur Rede gestellt.

Wenn ich mich recht erinnere, hat man Liselotte anfangs Lilo gerufen, später erst Lolo. Wir Jungs haben sie hinter vorgehaltener Hand Mama genannt wegen ihrer großen Brüste, und weil sie die neben ihr zierlich wirkenden Mädchen der Klasse gerne bemuttert hat.

Sie hat sich burschikos gegeben, ist niemandem eine Antwort schuldig geblieben, legendär war ihre entwaffnende Frage: Ce pula mea vrei? Was mein Schwanz willst du?

Damit hat sie jedem das Maul gestopft. Doch manchmal ist sie wegen einer nichtigen Bemerkung von uns Jungs in Tränen ausgebrochen, dann haben sich die Mädchen mit ihr solidarisiert, zu trösten versucht, nun sie bemuttert.

Obwohl Peter diese Gedichte zugesteckt wurden, ist das nicht unbemerkt geblieben, deshalb hat man gewußt, auch wenn von dem nie ein Gedicht erschienen ist, wer heimlich schreibt. Von Lolo hätte das niemand geahnt, denn sie ist bei einer geheimen Übergabe nie beobachtet worden.

Die Szene ist unvergeßlich geblieben. Erst mit dem Einläuten zur ersten Stunde ist Lolo an dem Morgen erschienen, jedoch nicht zu ihrem Platz geeilt, sondern auf Peter zugegangen, hat ihm die Zeitung unter die Nase gehalten, in der Klasse ist es mucksmäuschenstill geworden.

Es ist nicht erschienen, hat sie ihn angezischt. Peter hat ein verdattertes Gesicht gemacht, mit den Schultern gezuckt, und sie hat gesagt: Du hast es mir versprochen. Er hat etwas von Redaktion gemurmelt. Du lügst, hat sie ihn angeschnauzt und ist auf ihren Platz gegangen.

Ein Weinkrampf, als sie sich in die Bank gesetzt hat, doch man hat aus ihrem Wimmern heraushören können: Weil ich nicht gewollt habe, aber so eine bin ich nicht.

Der Physiklehrer, wegen seines tadellosen Haarschnitts mit Scheitel und der gepflegten Fingernägel das Mädchen genannt, hat die Klasse betreten, wir sind aufgestanden, er hat sich wegen der Ruhe gewundert, dann die Sitzende Lolo bemerkt: schluchzend, das Gesicht in den Armen vergraben.

Was denn passiert sei, hat er mitleidvoll gefragt, während er auf sie zugegangen ist. Wir haben den Atem angehalten, als Lolo den Kopf gehoben hat. Sie hat sich mit dem Taschentuch die Augen gewischt und gesagt: Ich habe mir den Knöchel an der Bank angeschlagen, es tut weh.

Mit dem Knöchel sei nicht zu spaßen, der Schularzt sollte mal nachschauen, hat unser Mädchen gemeint, es hat geklungen, als wäre er erleichtert. Ja, jetzt, hat er sie aufgefordert, weil sie ihn fragend angeschaut hat.

Sie ist aufgestanden und mit schmerzverzerrtem Gesicht zur Tür gehumpelt. Erst dann hat das Mädchen endlich gesagt: Setzen!

Humpelnder hat es ab dann von jemandem geheißen, ist er verdächtigt worden, heimlich Gedichte zu schreiben. Lolo hat nie ein Gedicht veröffentlicht, die Aufnahmeprüfung auf die Hochschule nicht geschafft. Wirtschaftswissenschaft glaube ich, BWL heißt das hier. Sie hat einen Rumänen geheiratet, Traian war Angestellter in der Finanzverwaltung der Stadt, durch ihn hat sie eine Stelle im Sekretariat des Direktors der Möbelfabrik gekriegt. Vorzimmerdame, hat sie selbstironisch gemeint, als ich ihr mal mit ihrem Kind in der Stadt begegnet bin.

Auswanderung war für sie in der Konstellation, er Rumäne, sie Deutsche, kein Thema. Ob sie sich nach der Wende in Rumänien mit dem Gedanken getragen haben? Keine Ahnung. 

In zwei Ausgaben der Schülerzeitung, wenn ich mich recht erinnere, sind Gedichte von mir erschienen, Peter hat es natürlich auf bedeutend mehr gebracht. In meinem ersten Studienjahr habe ich dann noch Gedichte auf der Studentenseite der Zeitung veröffentlicht. Zwei? Oder waren es drei? Ist doch egal. Jedenfalls hat Peter hier mehrmals veröffentlicht, war ja auch Mitglied in der Redaktion der Studentenbeilage.

Wolfgang Schmidt, Student im I. Jahr der Baufakultät, veröffentlichte bereits als Schüler des „Nikolaus Lenau“- Lyzeums Gedichte. So in etwa hat die Notiz unter meinen Gedichten in der Studentenbeilage gelautet. Darunter, in einer Klammer, bestimmt von Peter verfaßt, aber er hat es geleugnet: Nicht nur Germanisten schreiben. Das weiß ich noch genau.

Beweisen könnte ich es nicht, denn aufbewahrt habe ich nichts, die Zeitungen mit anderen Sachen in dem stinkenden Müllcontainer hinter dem Wohnblock entsorgt, als wir die Wohnung in Temeswar aufgeben mußten. Damals hätte ich nicht entsorgt gesagt, sonder weggeschmissen. 

Einige Zeit nach der Veröffentlichung in der Studentenbeilage wollte ich Gedichte an die „Neue Literatur“ in der Hauptstadt schicken. Und was für ein Brimborium ich gemacht habe, denn getippt sollten sie sein, handschriftlich hätte doch bei einer Zeitschrift keinen guten Eindruck gemacht.

Aber woher eine Schreibmaschine? Unser alter Dorfschullehrer hatte eine, auf wundersame Weise durch die Zeiten nach dem Krieg gerettet, die habe ich mir ausgeliehen, vorgegeben, Referate zu tippen. Mit der Ein-Finger-Methode habe ich die Gedichte getippt, dann aber doch nicht die Courage gehabt, sie abzuschicken.

Peter habe ich von meinem Vorhaben nichts gesagt, und wenn er mich bedrängt hat, ihm etwas für die Studentenbeilage zu geben, habe ich ihn immer auf später vertröstet, bis es ihm bestimmt dann auch zu dumm geworden war. Ich habe nie wieder etwas veröffentlicht, obwohl ich während meines Studiums hin und wieder noch was geschrieben habe.

Um Dichter zu werden, muß man aufs Ganze gehen. Das habe ich damals irgendwo gelesen, das weiß ich noch genau. Für einen anderen wäre das vielleicht die Initialzündung gewesen, mir aber ist klar geworden, daß ich das Zeug dazu nicht hatte. 

Peter hat in der Zeitschrift veröffentlicht, sogar behauptet, zensiert worden zu sein. Schriftsteller aber ist er nicht geworden.

 

 

 

 

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