Leseprobe - Anrufung der Kindheit


                                               I

Was soll's, frage ich, seit geraumer Zeit rede ich öfter mit mir,

was soll's also: Ich, einer, Unzählige wie ich einer, wollen es wissen

ob's geht habhaft zu werden der Erinnerungen an die Kindheit

Idylliker allesamt wir sind das eint uns insgeheim dasselbe Leben

deins und meins ist eins schönster Trugschluß von allen, sagst du,

der Vorhang könnte sich öffnen lautloser Beginn wie im Theater

Versuchen, rufe ich ermunternd dir zu klopfe, Vertrauen ist gut

Kontrolle ist besser, uns auf die Schulter ob's trägt das Gerüst

für den Aufstieg ins Gewölk berührt mit der Hand bringt's Glück

wie das Tragen von Kieselsteinen in beiden Hosentaschen damals

Wie also könnte es gewesen sein? Nostalgiker in allem was betrifft

die Zeiten der Erinnerung des Lebens verflossene Tage die Unzahl

vergeudeter die schönsten weil kein Bewußtsein da von Verlust

Den Schlüssel du brichst im verrosteten Schloß zur Tür der Kammer:

Hinein mit Gewalt ins Gemach des windschiefen Hauses es kann gehen

los im Einvernehmen du und ich, lyrisches Ich, weil angerufen die Muse,

du verstehst, wie in Zeiten großer Fahrten zu Wasser und zu Lande

 

 

                                               II

Und jetzt, du, wie soll's weitergehen wohin da wir die Segel gesetzt?

Was alles erinnert werden kann die Geschichten was sage ich da Romane

ganze Romane erzählen sich wie der Schnabel gewachsen Erinnerungsstoff

der verbindet kittet die unterschiedlichsten Lebensläufe Entdeckerfreude

im Schutthaufen von Bildern und Stimmen im Kopf im Aug und im Ohr

Ich, Junge vom Dorf, mit makelloser Herkunft zeitlebens, steht in den Akten,

verdanke diese den Folgen der Sturmschäden, tabula rasa, des neuen Zeitalters

das annulierte das Leben der Großeltern und Eltern durch einen Federstrich

Bereits Vater, traditionsgemäß Erbe, war nicht mehr aktenkundig im Grundbuch

und ich also kein direkter Nachfahre eines Elements aus der Klasse der Ausbeuter

So war mir geebnet der Weg auf Kosten des Lebens und Leids von anderen

Erst auf den höheren Schulen, so nannte es Großmutter, wurde uns, mir und dir,

das bewußt und seit damals vorbei die Schonfrist für Verfasser erlogener Gedichte

Lobpreisungen vom friedlichen Ackerbau und der Poesie im arkadischen Banat

 

                                                       III

Es begann früh: Das Gedicht auf der ersten Seite im Lesebuch,

patriotisch, eines der vielen Wörter ohne Bedeutung für mich

schöner Klang bloß da lagen Begriffe wie Jambus und Reim,

gepaarter, noch in der Zukunft die Stimme des Deutschlehrers

in der siebten: Warum diese Form, zerbrecht euch gründlich den Kopf

Für mich also damals der Klang war schön dieser Wörter, nie gehörte

Scheen, sagt die Großmutter als Prüfer des Enkels, Lektion gelernt,

hätte nie zugegeben daß so wenig begriffen vom Singsang wie der

Stolz der Junge, in der vierten, über das Lobs vom gefürchteten Richter

denn schön war in ihren Augen ansonsten die Ackerung im Hausgarten,

Reststück ihres Besitzes, wenn sie lag wie auf einem Präsentierteller

und bloß der schönste der Hähne unter den Junghähnen fand Gnade

vor ihren Augen und somit vor dem großen Messer gewetzt am Stein

Ich also, ihr ganzer Stolz, zur Schule durch die Gassen des Dorfes

noch einmal mir aufsagend die Lektion, das schöne Gedicht

Die verschrumpelten Weiber, als wären sie alt zur Welt gekommen,

halten morgens über den Gartenzaun Ausschau nach Gesprächsstoff

ein Getuschel, Gezisch wie von Schlangen, hinter meinem Rücken:

Hält den Kopf schief, der hat eine Krankheit, kommt vom Gehirn,

hätte Wasserkopf werden sollen, der Arme, aus dem wird mal nichts

 

                                                     IV

Bei jedem Wetter, da setzt man nicht mal den Hund vor die Tür,

während der Schulzeit, ab der fünften, samstags nach Hause sonntags

zurück ins Internat der Kleinstadt verloren in der weiten weiten Welt

Im Winter, kniehoch der Schnee für Kinderbeine, fror der Rotz

auf dem Schulweg man sich den Arsch ab wie zu Hause das Klo

weiß getünchte Bretterbude wohin selbst ein Kaiser zu Fuß gehen muß

Im Winter also zu Fuß durch den Schnee an den Bahnhof im Nachbardorf

kein getriebener Weg bloß Akazien am Wegrand Anhaltspunkt zum Verlauf

die Silhouette des Bahnhofs am Horizont Zeitmaß für den Weg das Gefühl

So viel Zeit, Jahre, lagen vor mir ein Gespür für Unendlichkeit die Angst

Wo liegt die Zukuft? Selbstbefragung der Eltern hingeworfen dem Jungen

Lerne sonst geht's in die Kollektiv! Drohung als Antwort wußten nichts

von V. I. Lenin, des Erzfeindes Aufforderung: Lernet, lernet, lernet!

Keine Erbschaft mehr also Zukunftsauftrag ins Ungewisse mit auf den Weg

Und ich wäre am liebsten zu Hause geblieben, ein Kind, keine hypothetischen

Antworten auf komplizierte Fragen bloß schön klingende Gedichte schreiben.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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