Leseprobe Bruchst.


 

 

Bruchstücke aus erster und zweiter Hand

 

Im eignen Fadenkreuz

 

Du hast ja nicht gefragt! Das hörte sich wie ein Vorwurf an. War es im Grunde aber nicht eine Rechtfertigung?

Ich sollte diese Fragen lassen. Dennoch: Welche wäre als erste zu stellen gewesen? Und überhaupt: Wie es anstellen, wenn man ahnte, daß die Befragte nicht Rede und Antwort stehen will? Rede und Antwort stehen! Sie muß sich bei unserem ersten Gespräch wie bei einem Verhör vorgekommen sein.

Wie heißt du? Wo wohnst du? Die Antworten auf diese Frage bleuen fürsorgliche Eltern Kleinkindern ein, sollten sie sich verlaufen. Beim Erlernen einer Fremdsprache gehören diese Frage zum Standard im Unterricht, gefolgt von: Aus welchem Land kommst du? Die Personalien feststellen, heißt das in der Behördensprache, geht es um diese Fragen.

Kein fremd klingender Name, auch das Herkunftsland kein Außergewöhnliches mehr.  Der Akzent aber schlage hin und wieder durch, hatte Gustav damals gesagt. So sei er eben, sie kenne ihn doch, es wäre bestimmt im Scherz gesagt gewesen, hatte mein Vater gemeint.

Doch diesmal hatte sie nicht wie üblich, wenn sich auch nur die kleinste Auseinandersetzung anzubahnen drohte, klein beigegeben, sonder war wütend geworden: Tausendmal habe sie dem Gustav und anderen schon erklärt, wieso in Rumänien Deutsche lebten, daß sie eine Deutsche sei, eine Banater Schwäbin, sie sei es satt, immer wieder auf ihren Akzent hingewiesen zu werden, sie habe Gustav doch nie gesagt, man höre sein Pfälzisch heraus.

Jeder sei ein Fremder, fast überall, diese Einsicht könnte von ihm stammen, hatte mein Vater, ganz der Lehrer Gregor Brauner, zu beschwichtigen versucht.

Und ich? Kurt Brauner, 1,88, ovales Gesicht, Augenfarbe braun, Kurzhaarschnitt, geboren am 7. Juli 1987, Sohn des Gregor Brauner und der Susanne Brauner, geborene Lehnert, Einzelkind, Zivildienst abgeleistet, abgebrochenes Studium der Germanistik und Politikwissenschaft an der Universität Heidelberg, auf Informatik gewechselt, spricht Deutsch und Englisch, kein Rumänisch, ist auf den Spuren seiner Mutter und seines Großvaters Anton Lehnert im Banat unterwegs. So könnte ein Steckbrief von mir lauten.

Per Anhalter nach Rumänien, das wär's gewesen! Mit einem Stück Karton in der Hand an der Ampel vor der Auffahrt zur A 656 beschriftet mit dem Ziel: Temeswar, Rumänien. Timi┼čoara, România wäre besser gewesen, dann hätte ein rumänischer Fernlaster mich sofort mitgenommen.

Meine Mutter hätte bestimmt davon abgeraten, aber vielleicht hätte mein Vater diesmal versucht, ihr die Bedenken auszureden, wo er doch von seiner Zeit als Tramper ins Schwärmen geraten konnte: Damals bis nach Italien! Hätte man ihm gar nicht zugetraut. Eine Zugfahrt jedenfalls war ja auch nicht gang und gäbe. Zu schlafen versuchen!

Hannas Gesicht vor Augen, das hatte sich schon oft als Schlafmittel bewährt. Und ich mußte nicht befürchten, enttäuscht aufzuwachen, denn noch nie hatte ich von ihr geträumt. Doch diesmal gelang es mir nicht, ihr Gesicht zu fixieren, das verweinte meiner Mutter schob sich dazwischen, und ich hörte meinen Vater auf sie einreden.

Er hatte sie zu beruhigen versucht: Unter diesen Umständen könne er sie doch nicht allein lassen, man könnte die Fahrkarten wohl nicht mehr zurückerstatten, das sei aber nicht die Welt, Hotel hätte man sowieso erst vor Ort buchen wollen. 

Darum gehe es doch gar nicht, hatte sie gereizt reagiert, er sofort wieder beschwichtigend was sagen wollen, doch sie war ihm ins Wort gefallen: Schon seit Tagen fühle sie sich unwohl, kraftlos, ob man ihr unterstellte, sie täuschte ihr Unwohlsein nur vor, ihre Schwestern ließen sie bis heute spüren, sie hätten es nicht in Ordnung gefunden, damals nicht zum Begräbnis ihres Vaters nach Wiseschdia mitgekommen zu sein, dabei  hätte sie doch im Krankenhaus gelegen.

Der letzten Teil ihrer Klage war nur noch ein Schluchzen, so hatte ich sie noch nie erlebt. Doch sie hätte doch nicht von mir erwarten können, daß ich jetzt auch nicht fahre.

Da geisterte er noch immer in der Familie herum: Mein Großvater Anton Lehnert, verstorben am 4. Mai 1993, vor sechzehn Jahren. Hätte er noch zwei Tage gewartet, dann hätten wir am selben Datum Geburtstag gehabt, soll er bei meiner Geburt gesagt haben. Und er soll darauf bestanden haben, daß ich ihn, wie im Banat üblich, mit Otta anspreche.

Mein Knecht, habe er mich genannt, wurde mir erzählt, da ich das  jüngste der Enkelkinder war und zum Amüsement aller hätte ich Pipatsch, für Klatschmohn, wie eine Litanei wiederholt, wenn er mich fragte: Was ist rot und blüht in der Ecke des Gartens?

Namentlich war mein Vater Pächter des Schrebergartens, aber in der Familie hieß es: Ottas Garten. Ein paar Jahre nach seinem Tod verkaufte die Stadt die Grundstücke, alles wurde platt gemacht, Firmen errichteten Niederlassungen, der Gartenverein erhielt Ersatzgrundstücke, aber mein Vater stieg aus. Großvater hätte ihn bestimmt überredet, einen neuen Garten zu pachten, von vorne zu beginnen, hatte meine Mutter noch Jahre später gemeint.

An Ottas Hand in den Garten. Unweit seiner Wohnung verlief die Abfahrt von der Schnellstraße, die in die Stadt führte, dann ging es auf einem unbefestigten Weg entlang einer Gartenanlage weiter, von der er begeistert war: Viel schöner als unsere!

Auf einem der Grundstücke stand ein riesiger Kirschbaum, Äste ragten über den Weg, und waren die Kirschen reif, pflückte mir Otta davon. Er sah sich kurz um, langte in die Zweige und legte mir verschmitzt lächelnd die Kirschen in die offen gehaltene Hand.

Mundraub. Er hatte bestimmt nicht diesen Ausdruck gebraucht, sondern einen aus seiner banatschwäbischen Mundart, in der er immer wie selbstverständlich mit mir redete, Verständigungsschwierigkeiten hatte wir keine. Vielleicht hatte er damals auch bloß das Zeichen gemacht, Finger auf die Lippen, das hätte doch jedes Kind begriffen.

Wenn wir in den Garten gingen, hatte Otta immer einen Eimer dabei. Eines Tages stießen wir auf einen großen Sandhaufen, und er ließ einen Eimer voll mitgehen, am nächsten Tag wieder einen, und schon bald türmte sich vor dem Gartenhäuschen ein schöner Sandhaufen auf, mein Spielplatz. Ein jedes Mal wahrscheinlich wieder das Zeichen, nicht verraten, und wir hatten nun unsere gemeinsamen Geheimnisse.

Die Siedlung Ochsenkopf bestand praktisch aus einer Häuserzeile mit schmucken Vorgärten, auf der gegenüberliegenden Seite ein Fabrikgelände, teilweise von Unkraut überwuchert. Schon von weitem konnte man die roten Warnleuchten am beschrankten Bahnübergang am Ende der Siedlung sehen, fast immer, wenn wir in den Garten unterwegs waren, kam ein Zug vorbei.

Dann begann der schönste Teil des Weges: das ehemalige Bahnwärterhäuschen mit noch angebrachtem Stellwerk, dahinter die stillgelegte Eisenbahnlinie von einem Brombeergestrüpp überwachsen, entlang des Bahndamms Nußbäume, die hier aufgegangen waren. Von den schwarzen Beeren pflückte mir Otta, im Herbst sammelten wir Nüsse ein.

Aus dem Garten gab es Erdbeeren, Himbeeren, Tomaten, Paradeis sagte Otta, Paprika, Erbsen, Bohnen, sogar Melonen. Die dickste damals gehörte natürlich mir, aber ernten durfte ich sie noch nicht.

Otta schlug mit dem Fingerrücken auf die Schale und sagte: Die klingelt noch. Es dauerte Wochen, bis sie nicht mehr klingelte, dann durfte ich sie abreißen. Er  schnitt die Melone mit einem großen Messer auf, der Teil in der Mitte, um die schwarzen Kerne, war das Herz. In dünne Scheiben geschnitten, zeigte er mir, wie Kinder aus Wiseschdia Melonen essen: Das Stück in die Hand nehmen, einfach hineinbeißen, die Kerne ausspucken, bis auf die Schale ausessen. Ich war bis an die Ohren verschmiert, und Otta lachte.

Solange er noch lebte, fanden in den Sommermonaten im Schrebergarten regelmäßig Familientreffen statt, danach nur noch selten, aber immer wurde von ihm erzählt. Geschichten. Sein Leben anhand von Geschichten aus Wiseschdia und Heidelberg. Nun beschränkte sich der Kontakt meiner Mutter zu ihren Schwestern hauptsächlich auf Telefonate, und daß die dran waren oder jemand aus der weitläufigen Verwandtschaft war sofort klar: Sie sprach Mundart.

Ob ich sie noch alle auf die Reihe kriege? Tante Erika und ihren Mann, meine noch in Rumänien geborenen Cousins Dietmar und Benno mit Familie, Tante Hilde mit ihrem zweiten Ehemann Wolfgang, meine Cousine Saskia-Maria sah ich nun öfter, da sie in Heidelberg studierte. Sie hätte bei uns wohnen können, daß sie sich für eine WG entschieden hatte, konnte ich verstehen.

Dann waren noch die nach dem Umsturz in Rumänien ausgewanderten Potjes: die Rosi God, wie sie alle nannten, die Cousine von Otta, deren Sohn Meinhard und dessen Sohn, der eine Rumänin zur Frau hatte.

Großvater habe sich den Potjes sehr verbunden gefühlt, sie als seine engsten Verwandten betrachtet, sie seien ihm in den letzten Jahren in Rumänien eine wichtige Stütze gewesen, hatte es immer wieder geheißen. Doch wie es schien, gab es keinen Kontakt mehr zu ihnen.

Wahrscheinlich war ihnen die Behauptung von Tante Erika zu Ohren gekommen, die Meinhard indirekt eine Mitschuld an Ottas Tod gegeben hatte: Der habe ihm doch damals den Floh ins Ohr gesetzt, es wieder mit Gemüseanbau in Wiseschdia zu versuchen.

Und wenn das Verhältnis des Großvaters zu seiner Mutter und dem Bruder aus zweiter Ehe aufs Tapet gekommen war, diese wirren Geschichten von Streitigkeiten und brüchigen Versöhnungen, wurde klar: Es war schon in Rumänien nicht gut.

Der Bruder, zehn Jahre jünger, war mit der Mutter bereits Anfang der achtziger Jahre nach Deutschland ausgewandert, sie hier verstorben. Der Großvater habe nach seiner Auswanderung eine Kontaktaufnahme zu seinem Bruder kategorisch abgelehnt, die Vermittlungsversuche von Tante Hilde seien kläglich gescheitert, hätten zu einer Verstimmung zwischen ihm und seinen Töchtern geführt. Über Besuche der Schwägerin, die sich hatte scheiden lassen, und deren Sohn mit Familie habe sich Großvater immer gefreut, wurde behauptet. Aber auch zu ihnen gab es keinen Kontakt mehr.

Hast du gefragt? Die Frage war berechtigt, denn bis vor einem Jahr hatte mich das alles nicht sonderlich interessiert. Ich war es leid: Bei Besuchen der Tanten diese Familiengeschichten, die sich wie Tratsch anhörten. Dann alle diese Geschichten aus der Kindheit wie: Am Grübchen im Kinn von Otta gespielt, von diesem Schönheitsloch genannt.

Hochgewachsen, kräftig gebaut, pausbäckig, sanfter Blick, volles Haar, leicht gewellt, nach hinten gekämmt. Nicht die Erinnerungen eines Sechsjährigen hatten dieses Erscheinungsbild geprägt, sondern die Fotos, die meine Mutter, chronologisch geordnet, in einem Album aufbewahrte. Sie hatte auch gesagt: Trotz der vielen Sorgen noch fast kein graues Haar.

Daß ich mich für die Lebensgeschichte meines Großvaters zu interessieren begann, verdankte ich einem Zufall während meiner Zeit als Zivi. Worüber unterhält sich ein Zivi mit einem Herrn aus dem Seniorenheim, den er im Rollstuhl spazieren fährt und der vom Alter her sein Großvater hätte sein können? Im Grunde über Belanglosigkeiten. Ob gut geschlafen, über das Wetter, ob das Essen schmeckt, ob schon Bekanntschaften geschlossen, ob man die Angebote zur Freizeitgestaltung des Heims wahrnimmt, wie es ihm hier gefällt. Fragen zum Lebenslauf, ausgeübter Beruf, Familie, ergaben sich erst, nachdem ein Vertrauensverhältnis hergestellt war, und man mußte mit dergleichen Fragen vorsichtig sein.

Aber Herr Schmidt, den man den Professor nannte und den ich nur einmal spazieren fuhr, war anders gestrickt. Junger Mann, lassen wir die Förmlichkeiten! Und als er zu erzählen begann, war klar, daß Zwischenfragen nicht angebracht waren, wäre auch schwer möglich gewesen, denn es sprudelte nur so aus ihm heraus: Jahreszahlen in Verbindung mit politischen Ereignissen der Vorkriegszeit, Kriegszeit, Nachkriegszeit. Erlebte Geschichte, hatte Herr Schmidt es genannt, der aus dem Banat stammte, nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in Deutschland geblieben und nie zu Besuch nach Hause gefahren war.

Eine Frage hatte ich mir dennoch erlaubt: Wieso waren die Deutschen aus Rumänien in der deutschen Armee? Herr Schmidt hatte mich streng gemustert, dann aber irgendwie verständnisvoll gemeint, ich hätte ja nicht, woher das wissen. Doch er hatte mir meine Unwissenheit dann doch unter die Nase gerieben, gemeint, dann wüßte ich bestimmt auch nicht, daß Deutschland und Rumänien im II. Weltkrieg Verbündete waren, bevor er mir erklärte, daß laut einem Abkommen zwischen Deutschland und Rumänien die Deutschen aus Rumänien 1943 in deutsche Verbände wechseln durften, was die überwiegenden Mehrheit auch tat, ihnen das aber, als Rumänien im August 1944 die Seiten wechselte, zum Verhängnis wurde, nicht nur ihnen, sondern der gesamten deutschen Bevölkerung in Rumänien, da ihr eine Kollektivschuld zugewiesen wurde.

Angesichts diese geballten Wissens hätte ich mich mit weiteren Fragen doch nur lächerlich gemacht. Und wenn ich Herrn Schmidt auch noch gesagt hätte, daß mein verstorbener Großvater aus dem Banat stammte, er mich nach Details zu dessen Lebensgeschichte gefragt hätte, wäre ich ganz blöd dagestanden. Bis dahin kannte ich diese bloß in großen Zügen, die Zusammenhänge waren mir unklar.

Jetzt erklärst du mir mal, wie das mit Großvater war, hatte ich meine Mutter noch am gleichen Abend überrumpelt. An jenem und den darauffolgenden konturierte sich allmählich der Lebenslauf meines Großvaters. Unsere Sitzungen, hatte meine Mutter ihr Erzählen und mein Nachfragen genannt.

Kostenlose Webseite erstellen bei Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!