Dorfchronik


Johann Lippet

                                   Dorfchronik, ein Roman

 

Ich hatte nämlich bemerkt, daß in einem engen Raum sogar die Gedanken beengt sind. Außerdem liebte ich es damals, immer, wenn ich meine künftigen Erzählungen überdachte, im Zimmer auf und ab zu gehen. Übrigens: mir war es stets angenehmer meine Entwürfe zu durchdenken und dann davon zu träumen, wie ich sie auf Papier bringen wollte, als sie tatsächlich niederzuschreiben, und das kam wirklich nicht von der Faulheit. Woher kam es nur?

         (Fjodor M. Dostojewskij - Erniedrigte und Beleidigte)

Nun steht noch an, glaubhaft zu machen, daß die Geschichte erzählt werden soll, weil es anständig ist, sie zu erzählen, und Familienrücksichten keine Rolle spielen. (...) Feste Urteile hat man schon gern, und vielleicht ist es manch einem egal, woher er sie bekommt, mir ist es jetzt nicht egal, deshalb werde ich die Geschichte auch erzählen. Man soll sich den klaren Blick durch Sachkenntnis nicht trüben lassen, werden die Leute sagen, denen es gleich ist, woher ihre Urteile kommen, und das hat schon etwas für sich, die Kunst zum Beispiel wäre ohne dieses Prinzip nicht so heiter, wie Schiller sich das denkt, aber wir werden doch lieber Sachkenntnis aufwenden und genau sein, das heißt also, uns den klaren Blick trüben.

(Johannes Bobrowski – Levins Mühle)

Im Idealfall sollten die Strukturen des Erlebens sich mit den Strukturen des Erzählens decken. Dies wäre, was angestrebt wird:  phantastische Genauigkeit. Aber es gibt die Technik nicht, die es gestatten würde, ein unglaublich verfilztes Geflecht, dessen Fäden nach den strengsten Gesetzen ineinandergeschlungen sind, in die lineare Sprache zu übertragen, ohne es ernstlich zu verletzen.

(Christa Wolf – Kindheitsmuster)

                                                          Prolog

 

Ich stellte mir vor, daß ich eines Tages, wohlhabend geworden, mein Heimatdorf besuchte mit der Absicht, die Dorfschule vor dem Zerfall zu retten, weil sie nach der Auswanderung der letzten deutschen Bewohner des Dorfes 1992 in die Bundesrepublik Deutschland dem Verfall überlassen worden war, und weil ich wußte, daß die neuen rumänischen Bewohner der Niederlassung, einst 179 Häuser, seit jeher ohne Bahn- und Busanbindung, andere Sorgen hatten. Für Renovierungsarbeiten an der Kirche wurden von den ehemaligen Bewohnern immer wieder durch Spenden finanzielle Mittel aufgebracht, für die Schule nicht.

Daß ich wohlhabend werden könnte, ist Fiktion, aber Wunschdenken beflügelt die Phantasie. Die Behauptung hingegen, daß restlos alle ehemaligen Bewohner des Dorfes in die Bundesrepublik Deutschland ausgewandert sind, stimmt so nicht. Das müßte ich, literarische Fiktion hin oder her, im Auge behalten, wollte ich über mein Vorhaben erzählen.

Die Hansel fielen doch nicht mehr ins Gewicht, meinte neulich ein Bekannter aus dem Banat, dem ich von meinem Heimatdorf erzählte und der bis dahin nie davon gehört hatte. Die Behauptung meines Bekannten ließ ich so stehen. Mit welchen Argumenten hätte ich ihn auch vom Gegenteil überzeugen können? Mich mit ihm auf eine Diskussion über das Verhältnis von Wirklichkeit und literarischer Fiktion einzulassen, hütete ich mich wohlweislich. Jetzt, da mir diese Begegnung schlagartig durch den Kopf geht, bin ich überzeugt, mich richtig verhalten zu haben, eine Diskussion hätte der Vorstellung von meinem Vorhaben den Wind aus den Segeln genommen.

Durch meine Initiative könnte die Schulbehörde unter Druck gesetzt, die Schule wieder eröffnet und ihr einen Grundschullehrer zugeteilt werden, damit wenigstens den Schülern der I. - IV. Klasse, wie zu meiner Zeit, der Weg bis ins Nachbardorf Gottlob erspart bliebe. Notfalls könnte man auch die Entlohnung des Lehrers übernehmen, bei einem derzeitigen Gehalt von umgerechnet 250 Euro im Monat dürfte das kein Problem sein. Großartig wäre natürlich, wenn sich ein Idealist finden ließe, der sogar gewillt wäre, seinen Wohnsitz im Dorf zu nehmen.

Man könnte die alte Lehrerwohnung, Bestandteil des Schulgebäudes, von Grund auf sanieren und mit allem Komfort ausstatten. Aber warum dem neuen Lehrer nicht gleich eines der leer stehenden Häuser zur Verfügung stellen, tipptopp her- und eingerichtet? Die Gemeindeverwaltung dürfte doch froh sein, eines der Häuser, die ihr damals im Zuge der Auswanderung zu einem Spottpreis abgetreten werden mußten, los zu werden, da sie die finanziellen Mittel nicht aufbringen konnte, sie zu erhalten.

Vorerst aber müßte ich die neuen Bewohner des Dorfes für meinen Plan gewinnen. Sollte ich ihnen einen kurzen Vortrag über die Geschichte des Dorfes und der Schule halten, abends in einem der Klassenzimmer, das zu diesem Anlaß hergerichtet wurde? Würde sie das überhaupt interessieren? Vorbereitet sollte ich auf jeden Fall sein.

Die 1786 gegründete Siedlung im Westzipfel des heutigen rumänischen Banats bestand aus ungefähr 60 Häusern, aus gestampfter Erde erbaut und mit Dächern aus Schilfrohr, erhielt die amtliche Bezeichnung Kis-Vizesda, Klein Wiseschdia, und war eine Binnensiedlung, deren Einwohner aus den Nachbardörfern stammten, die durch die Besiedlung des Banats mit Siedlern aus deutschen Landen unter der österreichischen Kaiserin Maria Theresia und deren Sohn, Kaiser Josef II, errichtet worden waren. 1903 gestattete der Minister des Inneren der Gemeinde sich als Großgemeinde Vizesda, Wiseschdia, zu konstituieren, die 1930 die endgültige Häuseranzahl von 179 erreichte. Als nachweislich erster Lehrer fungierte Johann Weber von 1812 bis 1855, über Lehrer davor ist nichts überliefert, aber schon 1787 war ein Schulhaus erbaut worden, 1899 wurde es abgerissen, bis zur Fertigstellung des neuen Schulgebäudes 1900 an seinem heutigen Standort fand der Unterricht im alten Gemeindehaus statt.

Nun müßte ich auf das Haus unweit der Kirche verweisen, um meine Ortskenntnisse unter Beweis zu stellen. Mit allzu vielen Jahreszahlen sollte ich meine Zuhörer nicht strapazieren, bloß den nötigsten, zwecks zeitlicher Orientierung, auf die Nennung von Namen womöglich verzichten, die sagten den Anwesenden sowieso nichts, schafften nur Verwirrung. Immer wieder aber auf die Bedeutung der Schule zurückkommen, für deren Erhalt keine Mühe gescheut werden dürfte, darauf hinweisen, daß es wichtig wäre, wenn der Lehrer seinen Wohnsitz im Dorf hätte, im Idealfall von hier stammen würde.

Nachdem das neue Schulgebäude seiner Bestimmung übergeben war, mußte es schon bald darauf um einen Seitenflügel mit einem zweiten Klassenraum erweitert werden, weil die Schüleranzahl sprunghaft angestiegen war. Von 1902-1923 unterrichteten deshalb auch zwei Lehrer an der Schule von Wiseschdia, die zudem auch noch aus dem Dorf stammten. Nach dem Tode des einen, 1923, unterrichtete der andere bis 1949 die Schüler, bis zu siebzig, von der I.- VII. Klasse allein, er starb 1957, zu ihm war noch meine Großmutter, praktisch die gesamte Dorfbevölkerung innerhalb eines halben Jahrhunderts, zur Schule gegangen. Insgesamt unterrichteten nachweislich 16 Lehrkräfte an der Schule von Wiseschdia, davon drei Lehrerinnen, von denen eine aus dem Dorf stammte.

1956 wurde Wiseschdia ein junger Lehrer zugeteilt, der im Dorf ansässig wurde, heiratete, und bis zu seiner Auswanderung 1982 unterrichtete. Bei ihm drückte auch ich in diesem Klassenzimmer von 1958-1962 als Grundschüler die Schulbank, könnte ich jetzt hinzufügen. Vielleicht sollte noch darauf hingewiesen werden, daß zwischen 1968-1972 die Zahl der Schüler angestiegen war, so viele hatte es seit Ende des II. Weltkrieges nicht mehr gegeben, bei weitem aber nicht vergleichbar mit der Zwischenkriegszeit, so daß einige Jahre wieder zwei Lehrer unterrichteten, mein ehemaliger und die Lehrerin, die aus Wiseschdia stammte. Über das traurige Ende des Schulunterrichts im Dorf, bedingt durch den Geburtenrückgang, die Auswanderung, müßte ich wahrscheinlich nicht viele Worte verlieren.

Da die jetzigen Bewohner des Dorfes aus anderen Landesteilen kommen, könnte man mir Fragen zur Besiedlung und Geschichte des Banats stellen, das ist aber höchst unwahrscheinlich. Heikel würde es beim Thema Schulpolitik werden. Wie zur Zeit der Österreich-Ungarischen Doppelmonarchie, zu der auch das ungeteilte Banat und Siebenbürgen, Transsilvanien müßte ich hier sagen, gehörten, eine massive Madjarisierungspolitik einsetzte und der Unterricht in der Muttersprache dem Ungarischen weichen mußte, man deshalb nach dem I. Weltkrieg den Anschluß an Rumänien favorisierte, weil der Unterricht in der Muttersprache garantiert werden sollte.

Das wäre natürlich Öl aufs Feuer, wo doch Rumänen und Ungarn auch heute noch nicht nur einen sogenannten Kulturkampf führen, vor allem wegen Siebenbürgen, Transsilvanien. Dann müßte ich aber auch davon sprechen, mit welchen Schwierigkeiten die Deutschen nach 1918, nun rumänische Staatsbürger, zu kämpfen hatten, um die versprochene Schulautonomie auch durchzusetzen. Das wäre noch heikler, und ich säße zwischen allen Stühlen. Und welche Stellung wäre hinsichtlich der Schulpolitik unter dem kommunistischen Regime zu beziehen? Selbst kritische Intellektuelle, wußte ich aus Erfahrung, reagierten allergisch, kamen problematische Aspekte aus der Geschichte des Landes zur Sprache, die nicht nur nationale Minderheiten betrafen. Zu solchen Diskussionen wird es bestimmt erst gar nicht kommen, und das wäre auch in meinem Sinne, geht es doch darum, in Wischedia wieder eine Schule zu haben und dies gegen alle Widerstände durchzusetzen. An diesen Geist zu appellieren, wäre wohl das Richtige.

Mein Besuch sollte ein unangemeldeter sein. Wie und bei wem hätte ich mich auch anmelden können? Zu den noch vier deutschen Bewohnern des Dorfes gehört auch ein ehemaliger Schulkollege, der mich mit Rekrut begrüßte, wenn ich meine Mutter besuchte, und der darauf bestand, mir ein Bier zu spendieren, wenn ich im Dorfwirtshaus auftauchte. Er könnte mein Verbindungsmann werden, nicht weil er von meinem Vorhaben begeistert wäre, sondern weil er viel von mir hielt, wie er mir immer zu versichern pflegte. Ob das nach zwanzig Jahren, seit wir uns das letzte Mal sahen, noch immer so ist? Ich muß es hoffen.

Mit einem Geländewagen sollte ich mich auf den Weg machen, nicht nur weil mein Heimatdorf von der Nachbargemeinde Gottlob aus, bis wohin eine asphaltierte Straße von der Kreisstadt Temeswar führt, bloß über eine arg ramponierte Schotterstraße zu erreichen ist, sondern vor allem, weil ich mir vorstellte, daß ein Geländewagen mir die zusätzliche Sicherheit beim Fahren verleihen würde. Den Führerschein hatte ich wohl in der Bundesrepublik im ersten Anlauf geschafft, war aber seit fünfzehn Jahren nicht mehr Auto gefahren. Natürlich sollte ich mich nicht auf den 1.200 Kilometer langen Weg von Heidelberg bis in mein Heimatdorf begeben, ohne vorher nicht noch wenigstens zehn Doppelfahrstunden genommen zu haben und mich auch sonst bis zum Antritt der Reise im Autofahren üben.

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