akteleben


Johann Lippet

 

 

                               Das Leben einer Akte

                                        

                Chronologie einer Bespitzelung durch die Securitate

Es ist eisig kalt in Bukarest, am Vortag hatte es geschneit.

Ich fuhr nicht oft in die Hauptstadt, damals, als ich noch in Rumänien lebte, doch jedesmal traf es sich, daß es Winter war. Und wenn ich nach Temeswar, wo ich wohnte, zurückkehrte, war ich erkältet oder fühlte mich krank.

Es ist kurz vor 9 Uhr, als ich mich dem Gebäude nähere, ein Wohnblock könnte man meinen. Vor dem Eingang stehen Leute und rauchen, ich geselle mich zu ihnen und stecke mir auch eine Zigarette an. Niemand fragt mich, was ich hier suche.

Wir müssen, sagt eine junge hübsche Dame auf rumänisch und drückt ihre Zigarette im Aschenbecher aus, der an der Wand neben dem Eingang angebracht ist. Allmählich lichtet sich die Runde, dann stehe nur noch ich da, auch ich drücke meine Zigarette aus und gebe mir einen Ruck.

Im Flur des Stiegenhauses eine Pförtnerloge. Ein Wachmann, es könnte auch ein Polizist sein, telefoniert und macht mir mit der Hand ein Zeichen: Warten!

Habe verstanden, wird gemacht, sagt er in den Hörer, legt auf und richtet einen fragenden Blick an mich. Ich reiche ihm meine Vorladung, er überfliegt sie, greift zum Telefon. Er sagt, daß hier jemand einen Termin zwecks Einsicht in seine Akte habe, nennt meinen Namen, nickt und legt auf.

Ich muß meinen Personalausweis vorlegen, er ist überhaupt nicht erstaunt, daß es ein deutscher ist, macht seine Eintragungen in ein Register, gibt mir den Ausweis zurück, zusammen mit einem Stückchen Karton, blau, darauf ist Stockwerk vermerkt und fettgedruckt eine Zimmernummer. Bei Verlassen des Gebäudes abzugeben!

Ich gehe in Richtung Aufzug, doch er beordert mich zurück: Es komme jemand, um mich abzuholen, fremde Personen dürften sich nur unter Aufsicht im Haus bewegen.

Eine junge Dame holt mich ab, für sie bin ich ein Routinefall. Männer bugsieren einen Karton mit Aktenordner in den kleinen Aufzug, eng gedrängt geht es nach oben. Hier übergibt sie mich in einem weiträumigen Büro, Tische, Stühle, Schränke, an einen jungen Herrn, der hinter einem Schreitisch sitzt.

Vorladung, Personalausweis! Er macht seine Eintragungen in ein Register, ich muß unterschreiben. Er reicht meine Vorladung an einen Kollegen weiter und bittet ihn, meine Akte zu holen. Er fragt mich, ob ich eine Kopie meiner Akte wolle. Selbstverständlich. Er meint, daß ich mich nach der Einsicht entscheiden könnte, welche Seiten. Natürlich alles, sage ich. Er reicht mir ein Formular und macht mich darauf aufmerksam, daß die Kopien persönlich abzuholen sind. Dann müßte ich ja noch einmal nach Bukarest kommen, sage ich genervt. Im Prinzip ja, meint er schulterzuckend und fragt dann lächelnd, ob ich denn niemanden in Bukarest kenne, dem ich vertraue, denn in diesem Fall könnte ich dieser Person eine notariell beglaubigte Vollmacht hinterlassen, damit sie die Kopien für mich abholen kann. In Ordnung, sage ich und will wissen, ob die Person mir die Kopien per Post zuschicken darf. Ja, wenn ich der Post vertraue, meint er scherzend. Ich wolle bestimmt doch auch eine Enttarnung der Informanten beantragen, sagt er, reicht mir ein Formular und weist mich darauf hin, daß dies dauern wird. Wie lange? Könne man nicht sagen, Monate, ein Jahr oder auch länger, jedenfalls erhalte der Antragsteller eine Benachrichtigung mit den Klarnamen der Informanten, per Einschreiben.

Sein Kollege hat meine Akte gebracht, zwei Dossiers, sagt etwas, ich bin plötzlich weit weg. Wie lange weiß ich nicht, als ich auf dem Stuhl an einem Tisch Platz nehme. Der Mann fordert mich auf, Eintragungen in Formulare zu machen, die in die jeweiligen Dossiers aufgenommen werden sollen: Wer, wann Einsicht in die Akte hatte, ist anzuführen, Unterschrift. Ich frage, ob auch fremden Personen Einsicht in eine persönliche Akte gewährt werden dürfe. Im Todesfall Familienangehörigen, oder Wissenschaftler, die zu dem Thema forschen, klärt er mich auf.

Ich hätte noch gerne mit ihm geredet, über Gott und die Welt, um mich abzulenken. Er deutet auf den Tisch nebenan, mit Büchern und Papieren überhäuft, und sagt, er gehe seiner Arbeit nach, wenn ich Fragen zu meiner Akte hätte, könnte ich mich an ihn wenden, er sei Forscher, für die Behörde tätig.

Die Ordner aus dünnem, gelblichen Karton, darauf mein Name, Stempel, Ziffern, sehen verwittert aus. Also dann, mache ich mir Mut, schlage einen auf und halte ein Stück vom zerbröselten Deckel zwischen den Fingern, lasse es angewidert fallen. Das Dossier liegt, wie von fremder Hand aufgeschlagen, vor mir. Ein Bürger ruft an, lese ich auf rumänisch. Darunter der mir bekannte Name eines Securitate Offiziers. Alles ist wieder gegenwärtig, ich spüre mein Herz klopfen.

Ich stehe auf, habe nur noch die Tür vor Augen. Der Mann am Schreibtisch fragt: Wohin? Eine rauchen, sage ich, er begleitet mich zum Aufzug. Ins Erdgeschoß, dann wieder hier her, sonst nirgends aussteigen, begreife ich von dem, was er mir sagt.

Als ich zurückkomme, sind Möbelpacker dabei, das Büro zu räumen, nur der Herr am Schreibtisch ist noch da. Wir ziehen um, sagt er. Ich setze mich an meinen Platz, schlage das andere Dossier auf und beginne zu lesen, als Hintergrundgeräusch die Möbelpacker.

Kurz vor 15 Uhr mache ich Schluß und stelle fest, daß nur noch mein Tisch im Büro steht. Ringsherum Dreck: Fussel, Spinnengewebe, an den Wänden, wo die Schränke standen, Schmutzflecken. Ich verabschiede mich auf morgen von dem Herrn am Schreibtisch. Der schaut mich verwundert an und fragt, ob ich denn nichts mitbekommen hätte: man ziehe um, die Behörde bleibe für die nächsten Tage geschlossen. Ich protestiere, rede mich in Wut. Er könne mich ja verstehen, versucht er mich zu beruhigen. Nichts, rein gar nichts verstehe er, schreie ich ihn an. Sein Kollege, der das Büro betritt, beruhigt die Lage: Es gebe eine Liste mit Personen, die in den nächsten Tagen Termine hätten, im Erdgeschoß werde ein Büro eingerichtet. Davon habe er nichts gewußt, beteuert der Herr am Schreibtisch. Ich bestehe, auf die Liste gesetzt zu werden und mache klar: Auch für übermorgen.

Draußen ist es immer noch eiskalt, doch im Hotel würde ich es nicht aushalten. Ich entschließe mich, einen Bekannten aufzusuchen wegen der Vollmacht, aber vor allem brauche ich jemanden, mit dem ich reden kann.

Nach drei Monaten erhielt ich die Kopien meiner Akte, über eine Vertrauensperson meines Bekannten, und machte mich an die Arbeit. Damals, als ich aus Bukarest zurückkehrte, fühlte ich mich noch tagelang krank, die Vorstellung, dieses Gefühl nun über Monate zu haben, machte mir Angst.

 

 

 

1. Zielobjekt

 

19. - 20. 03. 1986, 5.24 Uhr

Ein Bürger ruft an.

- Oberleutnant Beletescu

-Ja?

- Was machen Sie?

- Ich schlafe. Was soll ich sonst tun!

- Wie bitte?

- Ich schlafe.

- Schlafen?

- Ja.

- Wieso schläfst du?

- Weil es Nacht ist.

- Weil...?

- Weil es Nacht ist.

- Ist es Nacht?

- Ja

- Gut.

- Warum rufen Sie an?

- Wer?

Legt auf.

 

Diese Szene, dieser Dialog, aus dem Rumänischen von mir übersetzt, würde jedem absurden Theaterstück Ehre machen. Doch es geht hier nicht um Literatur. Das nächtliche Gespräch fand tatsächlich statt und ist in den Abhörprotokollen zu meiner Telefonüberwachung dokumentiert, in meiner Akte.

Damals glaubte ich, den Anrufer an seiner stereotypen Frage erkannt zu haben, die er mir immer stellte, wenn er in der Dramaturgie des Deutschen Staatstheaters, wo ich tätig war, auftauchte: Was machst du?/Wie geht es dir? Und manchmal fügte er noch hinzu: Und deinen Freunden? Doch schon damals fragte ich mich: Hatte er sich durch die Nennung von Rang und Name nicht enttarnt?

Als ich am 17.12. 2007 bei Consiliul Naţional pentru Studiul Archivelor Securităţii , CNSAS, Nationalrat zum Studium der Securitate-Archive, an einem Tisch saß, sagte ich mir immer wieder: Du mußt klaren Kopf bewahren. Meine Akte lag vor mir, zwei Dossiers. Zwanzig Jahre waren vergangen, genauer 19 Jahre, 5 Monate und 5 Tage, seit ich Rumänien verlassen hatte.

Im Folgenden soll der Inhalt der Dokumente beschrieben werden, die mir als Kopien seit Mitte März 2008 vorliegen. Hinzu kommen einige Dokumente, die mir im Laufe der darauffolgenden Monate Richard Wagner und Horst Samson freundlicherweise zur Verfügung stellten, da sie in ihren Dossiers abgelegt waren oder sich im Zusammenhang mit ihnen auch auf mich beziehen.

Ein Dossier, Abhörprotokolle, umfaßt 163 Seiten, Handschrift, es sind Übersetzungen oder Zusammenfassungen der Gespräche in rumänisch, da die meisten auf deutsch geführt wurden.

Die handschriftlichen Randnotizen enthalten Fragen zu dem Abgehörten, wenn sich für die Securitate der Zusammenhang nicht erschließt, Hinweise, Unterstreichungen, beziehungsweise Anordnungen zu Maßnahmen, die ergriffen werden sollen.

Das Telefon in meiner Temeswarer Wohnung wurde seit dem 27.10. 1984 abgehört, das letzte Gespräch ist auf den 7.03.1987 datiert. Daß mein Telefon in den nächsten drei Monaten bis zur meiner Ausreise nicht abgehört worden sein soll, ist schwer vorstellbar, wird doch eben für diese Zeitspanne besondere Wachsamkeit angeordnet.

Durch einen „Bericht“, ein auf der Schreibmaschine getipptes Formular, die Leerzeilen in Handschrift ausgefüllt, wird das Abhören des Telefons in die Wege geleitet. Es ist vom Chef des betreffenden Dienstes unterschrieben, von dessen Chef  genehmigt, als streng geheim eingestuft und als einziges Exemplar ausgewiesen. Die Dauer des Abhörens wird jeweils für dreißig Tage oder zwei Monate angeordnet, danach immer wieder verlängert, der Name des Securitate- Offiziers, dem die Informationen zuzuleiten sind, wird genannt. Als Grund für das Anzapfen meines Telefons steht, handschriftlich in das getippte Formular eingetragen, fast immer der gleiche Wortlaut: Es interessieren die Inhalte der Gespräche, ob Inland oder Ausland, die Kontakte im Inland und Ausland, ob die Gespräche feindselige Äußerungen enthalten und andere Daten von operativem Interesse.

Auf den Inhalt der Telefongespräche einzugehren, würde den Rahmen sprengen. Eigentlich schade, denn die Gespräche mit Familienangehörigen und Bekannten dokumentieren die Sorgen des Alltags jener Jahre, die mit den Schriftstellerfreunden, was uns damals in Temeswar so umtrieb.

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